Lena Müller-Lüdenscheid, äh, Dings

Da hat also eine junge Frau einen Schlagerwettbewerb gewonnen, mit einem Song, der nicht besonders originell war aber nett, mit einer Stimme, die nicht besonders variabel war aber eigenwillig, mit einem Auftritt, der nicht besonders spektakulär war aber sympathisch. Lena Meyer-Landrut, 19 Jahre, aus Hannover, ist die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010, Herzlichen Glückwunsch auch.

"Satellite", der Siegersong, ist harmloser Pop, sparsam instrumentiert, halbwegs up-to-date, bei Licht betrachtet ein recht dreister Kate-Nash-Ripoff, warum auch nicht, ist egal. Das ist nicht wichtig, wichtig ist der Hintergrund, für den Lena Meyer-Landrut steht, das gute, undogmatische Bürgertum, aber auch: eine Jugendlichkeit, die vollkommen selbstverständlich mit Medien umgeht. Manche behaupten, dass Meyer-Landrut sich konsequent den Medien verweigert hätte, aber das stimmt so nicht: Sie hat mit den Medien gespielt, aber zu ihren Bedingungen, nicht zu den Bedingungen der Medien. Sie trat schon vor ihrer Sängerinnenkarriere im Fernsehen auf, als Komparsin bei diversen Trashformaten im Privat-TV, das war nicht schön, aber es war selbstbestimmt. Meyer-Landrut steht für Medienkompetenz, wie sie vor zehn Jahren noch unvorstellbar war: Wer heute 19 ist, hat eine große Auswahl an Möglichkeiten, auf dem Bildschirm zu erscheinen, und wenn er tatsächlich nicht von einer Redaktion ausgewählt wird, dann dreht er eben selbst einen Youtube-Clip. Lena Meyer-Landrut weiß um diese Möglichkeiten, und sie weiß auch die Gefahren, die drohen, wenn man die Möglichkeiten nutzt. Wenn sie sich verweigert, wenn sie bockig "Nöööööt!" quäkt, auf eine RTL-Frage zu ihrer Familie, dann ist das keine jugendliche Unbekümmertheit, wie ihr oft attestiert wird, dann ist das auch keine Arroganz, das ist ein Schutzmechanismus. Der nicht immer einwandfrei funktioniert, aber dennoch verhältnismäßig zuverlässig ist.
Schön auch, dass Meyer-Landrut mit bestimmten Medien grundsätzlich nicht redet, namentlich: der Bild. Das liegt nicht nur an ihr, das liegt auch an ihrem Mentor Stefan Raab, über dessen Einfluss auf Lenas Medienverhalten nur spekuliert werden kann - ich nehme an, er ist riesig. Raab spricht ebenfalls nicht mit Bild, Raab pocht auf sein (meiner Meinung nach nicht unproblematisches) Recht, Privates vollkommen abzuschirmen. Aber: Es ist schön, wenn jemand einen Massenerfolg hat, ohne mit Springer zu paktieren. Und wenn jemand lieber mit arte spricht als mit RTL, dann ist das auch sympathisch.

Traurig allerdings: Meyer-Landrut mag sympathisch sein, sie ist in keiner Weise mehr Camp. Und eigentlich mochte ich den Eurovision Song Contest, diese bei Licht betrachtet entsetzlich öde Veranstaltung, doch in erster Linie wegen ihres Camp-Charakters. Vorbei, nicht nur bei Meyer-Landrut. Überhaupt war dieser Abend geprägt von Understatement und nicht von unfreiwillig überbordenden Gefühlen, von pathetischen Orchestern, von wilden Kostümorgien inclusive reißender Schärpen. Einzig der Isländische Marianne-Rosenberg-Abklatsch versuchte da noch ein wenig mitzuspielen, leidlich erfolglos (der Song war aber auch arg lieblos). Und wenn man Hape Kerkeling, der immerhin noch die deutsche Juryentscheidung per Videoeinspielung übermitteln durfte) als schwules Klischeebild einordnen möchte, dann bildet Stefan Raab das heterosexuelle Gegenstück zu diesem Klischee.
Und Meyer-Lanrut? Die steht für eine nette, selbstbestimmte, leicht widerborstige Sexualtät jenseits aller Klischees. Bei ihr wird nicht getuckt, nicht geschmachtet, bei ihr wird geflirtet, und wenn man eine Abfuhr bekommt, dann können beide drüber lachen.

Nicht dass mir das unangenehm wäre - im wahren Leben ist mir solch ein ironisch-abgeklärter Umgang mit Sexualität weitaus lieber als ausgestellte Schwuppenästhetik. Aber ein wenig schade finde ich es doch, dass mit dem Sieg des Anti-Camp-Modells Lena eine Kultur recht mitleidslos ins Abseits geschoben wird: die des Schlagers als explizit schwule Camp-Veranstaltung.

Ich verlinke "Satellite" hier nicht. Weil die Herren von Raabs Firma Brainpool ohnehin alles schnell wieder löschen lassen (und damit beweisen, dass sie zwar Ahnung von klassischem Marketing haben, nicht aber von viralen Formen.
Außerdem verweise ich auf das
tolle Liveblogging der geschätzten Lukas Heinser und Stefan Niggemeier auf oslog.tv.

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Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

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Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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