Bedways



Okay, Filme über Sex, das ist so eine Sache. Weil Film eine optische Geschichte ist, die ihre strukturelle Nähe zum Voyeurismus nie verleugnet, steht im Film gezeigter Sex immer im Verdacht, pornografische Verfahrensweisen anzuwenden. Das ist nicht schlimm (aber langweilig), wo ein Film sich dieser strukturellen Nähe bewusst ist, das ist entsetzlich schwiemelig, wo ein Film im Gegenteil diese Verfahrensweisen anklagen möchte.
Natürlich kann sich der Regisseur retten. Indem er Sex ausspart, den Sex quasi hinter dröhnendem Schweigen versteckt. Am elegantesten machte das Richard Linklater 1995 in "Before Sunrise", bloß irgendwohin brachte einen das nicht. Oder aber der Film wird bewusst explizit, Arthouse Porn. Bei "9 Songs" funktionierte das 2004 ganz gut, weil der Michael Winterbottom damals mit entwaffnender Ehrlichkeit Sex und laute, exzessive Rockmusik parallel schaltete. Wenn man allerdings nicht mehr an die exzessive Kraft der Rockmusik glaubt, dann ist "9 Songs" auch nur ein Porno mit konventionell gefilmten Livemusikpassagen dazwischen, schad'.

RP Kahls "Bedways" ist da konsequenter, weil Kahl das Problem, einen Film über und mit Sex zu drehen, zum Thema seines Films macht. Eine junge Regisseurin verschanzt sich mit einem Schauspieler, einer Schauspielerin und rudimentärem Drehinstrumentarium in einer leeren Altbauwohnung. Gefilmt wird Sex, der zwar zunehmender Drehdauer immer echter wirkt, gleichzeitig aber in einer Gegenbewegung Pornographie immer ähnlicher wird. Am Ende steht ein gemeinsamer Orgasmus, ironischerweise in den Masturbationszellen eines Schwulenclubs, vor Kamera und Bildschirm. Gefilmter Sex ist eine Leerstelle, und diese Leerstelle umkreist Kahl mit seinem Film.
Natürlich darf man solche Filme von Herzen hassen: die gekünstelten Dialoge, den Kunstanspruch, die forcierte Abgefucktheit des Settings. Man darf aber auch mal einfach konstatieren, dass Kahl zumindest das Problem erkannt hat. Dass er sich diesem Problem verhältnismäßig ungeschickt nähert, ist nicht schön - eine Alternative gibt es aber meiner Meinung nach nicht.

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Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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