Olli Schulz

Olli Schulz ist ein Schwätzer. Schwätzer, die gibt es in jeder sozialen Gruppe, meist, nein: immer Jungs, die nicht aufhören können zu reden, die Gutes reden, Kluges, Lustiges, aber immer zu viel. Jeder freut sich, wenn der Schwätzer auf der Party dabei ist, aber niemand ist wirklich befreundet mit ihm. Weil der Schwätzer auf Dauer auch kollossal nervt, er ist überdreht, er ist zu laut, er geht auf Pointe, selbst dort, wo gar keine Pointe ist.
Seit 2003 tritt Olli Schulz live auf. Gewitzte Texte, ausufernde Ansagen, dazu Gitarre, passt doch. Wenn man übersieht, dass Schulz mit gewitzten Texten eigentlich gar nichts am Hut hat. Manchmal gibt es überraschende Wendungen, gut, aber meist sind die Texte seiner Songs traurig, melancholisch, bei der 2006er-Platte "Warten auf den Bumerang" konnte man schon fast von Depression reden. Die Liveauftritte sahen also zunächst so aus: Mensch mit Akustikgitarre und zurückhalteder Backingband "Der Hund Marie" spielte traurige Songs, und zwischen den Songs erzählte er lustige Anekdoten. Und wenn er gut drauf war, dann dauerten die Zwischenansagen deutlich länger als die Songs. War kein schlechtes Konzept.
Aber Olli Schulz kommt aus einer ganz bestimmten Szene: Lange war er Stagehand in diversen Reeperbahnclubs, da hat man es nicht mit Zurückhaltung, da hat man es auch nicht mit genresprengendem Grenzgängertum zwischen Comedy, Rock und Literatur. Da steht man aufs Erfüllen von Konventionen und auf handwerkliches Können. Und, damit wir uns nicht falsch verstehen: Schulz ist ein ordentlicher Gitarrist. Schulz weiß, wie Songs aufgebaut zu sein haben. Der passt da nicht schlecht rein, in diese Szene.
"Der Hund Marie" bestand zu guten Teilen aus der Hamburg-Berliner Band Tomte, grundsympathische Jungs, die sich aber sicher nicht auf die Fahnen schreiben würden, das Selbstverständnis des Rock neu erfunden zu haben. Mittlerweile spielt Schulz viel mit Home of the Lame. Home of the Lame haben die Konventionalisiserung des Schulz-Sounds noch ein wenig weiter getrieben, mit Chorgesang, konsequent auf Moll gespielten Gitarren, Ironieverweigerung. So etwas findet man in der Olli-Schulz-Welt gut. Was man auch gut findet: Wenn man vor vollem Haus spielt. Ganz egal, wer dieses Haus füllt.

Die Goldenen Zitronen haben im Dokumentarfilm "Übriggebliebene Ausgereifte Haltungen" sehr schön beschrieben, dass eine Motivation für ihre Entwicklung vom Funpunk zum Diskursrock war, die Oberlippenbartträger aus ihren Konzerten zu drängen. Bei Leuten wie Olli Schulz dagegen ist es egal, wer im Publikum steht, Hauptsache, er steht da. Vielleicht ist das gar nicht schlimm, irgendwo müssen die Oberlippenbärte ja hin. Aber mir darf man es auch nicht verdenken, dass ich mich nicht so wohlfülle, in einem Publikum, das a) unbedingt witzige Geschichten hören möchte und b) auf musikalische Innovation eher weniger Wert legt.

Allerdings: Mit einzelnen Songs ist Olli Schulz unschlagbar. Zum Beispiel Der Moment aus dem Debüt "Brichst du mir das Herz, brech ich dir die Beine" (2003). So schön könnte Formatradio sein.

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Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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