Schubladendenken

Sonntag, 30. Mai 2010

Lena Müller-Lüdenscheid, äh, Dings

Da hat also eine junge Frau einen Schlagerwettbewerb gewonnen, mit einem Song, der nicht besonders originell war aber nett, mit einer Stimme, die nicht besonders variabel war aber eigenwillig, mit einem Auftritt, der nicht besonders spektakulär war aber sympathisch. Lena Meyer-Landrut, 19 Jahre, aus Hannover, ist die Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010, Herzlichen Glückwunsch auch.

"Satellite", der Siegersong, ist harmloser Pop, sparsam instrumentiert, halbwegs up-to-date, bei Licht betrachtet ein recht dreister Kate-Nash-Ripoff, warum auch nicht, ist egal. Das ist nicht wichtig, wichtig ist der Hintergrund, für den Lena Meyer-Landrut steht, das gute, undogmatische Bürgertum, aber auch: eine Jugendlichkeit, die vollkommen selbstverständlich mit Medien umgeht. Manche behaupten, dass Meyer-Landrut sich konsequent den Medien verweigert hätte, aber das stimmt so nicht: Sie hat mit den Medien gespielt, aber zu ihren Bedingungen, nicht zu den Bedingungen der Medien. Sie trat schon vor ihrer Sängerinnenkarriere im Fernsehen auf, als Komparsin bei diversen Trashformaten im Privat-TV, das war nicht schön, aber es war selbstbestimmt. Meyer-Landrut steht für Medienkompetenz, wie sie vor zehn Jahren noch unvorstellbar war: Wer heute 19 ist, hat eine große Auswahl an Möglichkeiten, auf dem Bildschirm zu erscheinen, und wenn er tatsächlich nicht von einer Redaktion ausgewählt wird, dann dreht er eben selbst einen Youtube-Clip. Lena Meyer-Landrut weiß um diese Möglichkeiten, und sie weiß auch die Gefahren, die drohen, wenn man die Möglichkeiten nutzt. Wenn sie sich verweigert, wenn sie bockig "Nöööööt!" quäkt, auf eine RTL-Frage zu ihrer Familie, dann ist das keine jugendliche Unbekümmertheit, wie ihr oft attestiert wird, dann ist das auch keine Arroganz, das ist ein Schutzmechanismus. Der nicht immer einwandfrei funktioniert, aber dennoch verhältnismäßig zuverlässig ist.
Schön auch, dass Meyer-Landrut mit bestimmten Medien grundsätzlich nicht redet, namentlich: der Bild. Das liegt nicht nur an ihr, das liegt auch an ihrem Mentor Stefan Raab, über dessen Einfluss auf Lenas Medienverhalten nur spekuliert werden kann - ich nehme an, er ist riesig. Raab spricht ebenfalls nicht mit Bild, Raab pocht auf sein (meiner Meinung nach nicht unproblematisches) Recht, Privates vollkommen abzuschirmen. Aber: Es ist schön, wenn jemand einen Massenerfolg hat, ohne mit Springer zu paktieren. Und wenn jemand lieber mit arte spricht als mit RTL, dann ist das auch sympathisch.

Traurig allerdings: Meyer-Landrut mag sympathisch sein, sie ist in keiner Weise mehr Camp. Und eigentlich mochte ich den Eurovision Song Contest, diese bei Licht betrachtet entsetzlich öde Veranstaltung, doch in erster Linie wegen ihres Camp-Charakters. Vorbei, nicht nur bei Meyer-Landrut. Überhaupt war dieser Abend geprägt von Understatement und nicht von unfreiwillig überbordenden Gefühlen, von pathetischen Orchestern, von wilden Kostümorgien inclusive reißender Schärpen. Einzig der Isländische Marianne-Rosenberg-Abklatsch versuchte da noch ein wenig mitzuspielen, leidlich erfolglos (der Song war aber auch arg lieblos). Und wenn man Hape Kerkeling, der immerhin noch die deutsche Juryentscheidung per Videoeinspielung übermitteln durfte) als schwules Klischeebild einordnen möchte, dann bildet Stefan Raab das heterosexuelle Gegenstück zu diesem Klischee.
Und Meyer-Lanrut? Die steht für eine nette, selbstbestimmte, leicht widerborstige Sexualtät jenseits aller Klischees. Bei ihr wird nicht getuckt, nicht geschmachtet, bei ihr wird geflirtet, und wenn man eine Abfuhr bekommt, dann können beide drüber lachen.

Nicht dass mir das unangenehm wäre - im wahren Leben ist mir solch ein ironisch-abgeklärter Umgang mit Sexualität weitaus lieber als ausgestellte Schwuppenästhetik. Aber ein wenig schade finde ich es doch, dass mit dem Sieg des Anti-Camp-Modells Lena eine Kultur recht mitleidslos ins Abseits geschoben wird: die des Schlagers als explizit schwule Camp-Veranstaltung.

Ich verlinke "Satellite" hier nicht. Weil die Herren von Raabs Firma Brainpool ohnehin alles schnell wieder löschen lassen (und damit beweisen, dass sie zwar Ahnung von klassischem Marketing haben, nicht aber von viralen Formen.
Außerdem verweise ich auf das
tolle Liveblogging der geschätzten Lukas Heinser und Stefan Niggemeier auf oslog.tv.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Baby Jail

Ach, Baby Jail, die Guten, gibt es auch schon lange nicht mehr. Weil aber die Schweiz gerade mit eigenartigen politischen Entwicklungen auf sich aufmerksam macht, zitiere ich hier noch einmal ein hübsches Amateurvideo zu "Tubel Trophy" (1992), aktuell wie nie.

Schöne Feiertage.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Pet Shop Boys

Die Neunziger waren wohl die Zeit, in der mein Musikgeschmack sich verfestigte. In den Neunzigern begann ich, konsequent Indie zu hören. Indie weniger als Genre denn vielmehr als Haltung: Indie als Gegenbewegung zur Authentizitätslüge des Rock, Indie als Verneinung von Heterosexismus, Indie als gelebte Grenzüberschreitung. In den Neunzigern wurden Fragen nach Genres, nach Kommerzialität, nach Zugänglichkeit unwichtig für mich: In den Neunzigern gab ich allem erstmal eine Chance, sofern es nur irgendwie als Indie durchging.

Eigenartigerweise konnte ich in den Neunzigern rein gar nichts mit den Pet Shop Boys anfangen.

Die Pet Shop Boys, das waren für mich die ohrenfreundlichen Elektropopper zwischen 1986 und 1990, mit ihren Hits "West End Girls", "Suburbia" und "So Hard". Und die Pet Shop Boys waren für mich die campy Dancefloor-Grandseigneurs zwischen 2002 und heute, mit den Nicht-mehr-wirklich-Hits "Home and dry", "Numb" und "Love etc.". Dazwischen lagen für mich irgendwie peinliche Dancefloor-Stampfer, "Se a vida é", "New York City Boy" (von Jürgen Laarmann auch noch ganz grauenhaft als "Berlin Mitte Boy" recyclet) und, ganz schlimm, "Go west". Und ältere Männer, die nicht wirklich vom Dancefloor runter fanden.
Dass das Ergrauen und Verfetten von Neil Tennant und Chris Lowe in Wahrheit etwas mit schwulen Glamourkonzepten zu tun hatte, war mir natürlich nicht klar. Tatsächlich erkennt man diesen Sinn des Betonens junger Körper (während der eigene Körper längst nicht mehr jung ist) am Besten bei den "Live"-Auftritten der Pet Shop Boys: wenn (der gnädig Playback-verstärkte) Tennant von jugendlichen Tänzern umschwärmt wird und selbst im eigenartig hochgeschlossenen Anzug wirkt als, ob sein Herz diese Aufregung nicht mehr lange mitmachen wird. Das ist Gustav von Aschenbach in "Tod in Venedig", das ist Dekadenz, das ist Zerfall, das ist Camp. Verstand ich damals nicht, in den Neunzigern, vielleicht war ich damals ungerecht, erwartete eine Authentizität in der Authentizitätsverweigerung und wollte mit dem Pet-Shop-Boys-eigenen Beschwören von Pathos, Kitsch und Sentiment einfach nichts anfangen.

Oder vielleicht war ich einfach auch nur unbewusst homophob. Schon früh, spätestens seit "It's a sin" (1987) las ich die Songs von Tennant/Lowe eindeutig als schwul. Dass Tennant unlängst bekannte, sich erst Ende der Neunziger über seine sexuelle Orientierung klar geworden zu sein - egal. Denn mal ehrlich: Gibt es eine schwulere Ästhetik als das Video zu "Being boring" (1990)?

Mittwoch, 18. November 2009

Go fuck yourself



Ganz davon abgesehen, dass Morrissey sich hier als genau der problematische Charakter entpuppt, für den ich ihn schon lange halte - genauso blöde wie seine Reaktion ist meiner Meinung nach auch die Unsitte, bei Konzerten besoffen in den Vortrag reinzublöken.

Kommander Kaufmann war übrigens in persona dabei.

Donnerstag, 3. September 2009

Was die Bandschublade nicht mehr sein will

Oh, Pop. Pop ist ja so richtig scheiße, die dümmste Art, sich mit Kultur auseinanderzusetzen. Pop ist: reiner Konsum, reine Unterhaltung, reiner Antiintellektualismus. Popkultur: gibt es nicht, ich meine, Kultur? Im Pop? Kultur baut auf Diskurs, Pop baut auf einen öden, aufgebauschten Geniekult. Kultur ist Leidenschaft, Subversion, Ausbruch, Devianz, Sex. Pop ist dagegen die ewige Wiederkehr des Immergleichen.
Pop ist reaktionär, demnach. Wegen seiner Sehnsucht nach Führerfiguren, wegen seiner Fetischisierung des Frontmanns, wegen seinem ungebrochenen Verhältnis zum Startum. Hierarchieschrott, immer und überall.
Hierarchieschrott, der die gesamte Szene durchdringt. Kein anderer Bereich der Kulturszene ist so schnell bereit, unliebsame Berichterstattung mit Liebesentzug zu bestrafen wie die Musikindustrie. Und Liebesentzug heißt im Pop: Anzeigenstornierung, Ignorieren von Interviewanfragen. Nach oben buckeln, nach unten treten, so wünschen sie sich die Welt.

Einspruch: Was du hier beschreibst, ist doch die alte Musikindustrie. Eine Industrie, die eigentlich schon völlig den Bach runter ist. Heute, in Zeiten von Home Recording und alternativen Vertriebswegen, sieht das doch ganz anders aus.


Ach, klar, das Arctic-Monkeys-Argument. Vier Freunde müsst ihr sein, dann ladet ihr eure selbst produzierten Songs auf Myspace hoch und werdet erfolgreich. Feld von hinten aufrollen, unter der bösen Industrie durchtauchen, die Produktionsmittel selbst in die Hand nehmen: So geht das. Emanzipatorisch. Bullshit.
Die Arctic Monkeys haben sich vor allem die Freiheit genommen, ihre Songs zunächst über die Plattform von Rupert Murdoch zu publizieren. Und über Murdoch ließe sich viel sagen, aber nicht, dass er nennenswert viel mit emanzipatorischer Politik am Hut hätte. Sehen so die alternativen Vertriebswege aus? Na toll.
Es ist doch kein Wunder, dass einer der wenigen verbliebenen Popmusiker, denen ich noch zuhöre, Tocotronis Dirk von Lowtzow, mit seiner Zweitband Phantom/Ghost mittlerweile überhaupt keinen Pop mehr macht, sondern ganz eigenartig verschachtelte Kammermusik, dunkellustige Lieder über Horrorfilme, Märchen und nicht klar definierte Sexualität. Pop dagegen ist reine Normierung. Pop geht es nicht um Verunsicherung, Pop geht es um eine ganz klare Positionierung: So hast du zu sein, so hast du auszusehen, so hast du zu denken. Punkt. Ist ja auch besser vermarktbar, so.
Denn: Pop ist Markt. Wenn man Pop wirklich verstehen will, dann muss man amerikanisch denken, das heißt, dass man alles vom Markt her denken muss. Demokratie? Hat sich am Markt zu bewähren. Subversion? Ist ein Marktsegment. Kritik am Markt ist okay, wenn es für diese Kritik einen Markt gibt. Pop kommt nicht aus dem Markt raus, dem Markt enthobene Strukturen wie Subventionen sind ihm zutiefst fremd.
Ich mag Pop nicht. Wenn Pop vor die Hunde geht (was manche glauben): besser heute als morgen. Nur glaube ich gar nicht daran, dass das wirklich passiert. Und deswegen bin ich erstmal raus. Ich bin im Museum, im Theater, in der subventionierten Welt. Ich bin im Bett, in der Welt der Berührungen. Ich bin im Freien, in der Natur. Ich bin weg, und, Pop? Geh sterben.

Musik, zum Abschied: Jeans Team, Das Zelt (2006).

Freitag, 19. Juni 2009

Shuffle-Orakel

Eigentlich wollte ich konsequent verstummen, aber jetzt kommt mir doch noch das hübsche (wenn auch schon etwas veraltete) Shuffle-Orakel dazwischen. Also: ein kurzer Blick ins Innere:

How does the world see me?
Baby Girl Interlude/Intro, Missy Elliott Geht ja schon toll los.

Will I have a happy life?
Auf der Strecke, Wolke Generation Praktikum, prekäres Leben, Kram. Na klasse.

What do people really think of me?
The real thing, Terranova Kann man eigentlich wirklich nix gegen sagen.

Do people secretly lust after me?
Morgen wird wie heute sein (Funkstörungs K.O.O.K.N.U.T.S. Mix), Tocotronic/Funkstörung Soll mich das jetzt freuen? Anbei auf jeden Fall die Tocotronicsche Originalversion:


How can I make myself happy?
Victim convenience, The faint Bringt mich jetzt auch nicht weiter.


What should I do with my life?
Tender Buttons, Broadcast Siehe oben. Aber wenigstens mal ein echtes Video:


Will I ever have children?
Très bien, Le Tigre Na, das ist wohl eindeutig.

What is some good advice for me?
Ein Mann, Element of Crime Morgens aufstehen? Wenn es hilft.

What do I think my current theme song is?
In the garden, Bite the bullet Das kann ich nun gar nicht unterschreiben. Aber wenn das Orakel es sagt ...

What does everyone else think my current theme song is?
Breaking the rule, The fall Schon eher.


What song will play at my funeral?
Whom the bells toll, Kreidler Das passt so perfekt, dass es einem richtig Angst macht.

What type of men/women do you like?
Loosen the clamp, Cabaret Voltaire Ähm, ja.

What is my day going to be like?
Hello Joe, Blondie Geht immer, klar.


Why am I here?
Partymädchen gefoltert, Stereo total Hust. Siehe oben.

What will people remember me for?
Soldier soldier, Sizz Energie Man muss auch nicht immer alles kommentieren.

What song will I get stuck in my head tomorrow
Ich steh hier und warte, Rote Gitarren Ohne Zweifel.

Are there people outside waiting to take me away?
Handjobs for the holidays, Broken social scene Aber sicher.

What will this year be all about?
Devil was I, Boy from brazil Geht auch.

Donnerstag, 26. März 2009

Soap&Skin

Sie macht ja nichts. Anja Plaschg aka Soap&Skin sitzt vor ihrem Flügel und starrt. Kurz greift sie zum Mikro, "Danke, dass ihr alle gekommen seid", dann starrt sie wieder. Ein 19-jähriges Wunderkind aus dem österreichischen Gnas, traurig und weltverloren. Ein Hype, sicher. Ein Sound zwischen dem Besten aus Dark Wave und Tori Amos, manche hören auch noch Doom Metal raus, kann ich aber nicht nachvollziehen. Schwarz, ernst.

Und unglaublich. Sie spielt, sie singt, sie schreit. Und die Samples dröhnen, mal ein zerhackter Marschrhythmus, mal ein Kinderschreien, mal eine Spieluhr. Soap&Skin, Abgrund. Dann singt sie wieder, heillos: "Please help me!" Man kann sich das nicht anhören, ohne daran zu denken, wo diese Songs entstanden sind: Österreich, Fritzl-Land, Kampusch-Land. Ein Klischee.
Dann steht sie auf, nimmt ein paar Blumen vom Bühnenrand, verteilt sie zaghaft in den ersten Reihen. Lilien, das sind Lilien, nein? Weiß?

Es gibt keine Musikvideos von Soap&Skin, dafür unzählige Liveaufnahmen und einzelne, kurze, musikfreie Experimentalclips. Und hier: Spiracle (2009).

Sonntag, 22. März 2009

Clips

Die Tube ist ein böses Medium. Kuscht vor Rechteinhabern. Löscht ihrer Meinung nach jugendgefährdendes Material. Lässt kaum noch in Blogs einbinden. Und wird, wie man hört, über kurz oder lang ohnehin als Musikmedium den Weg von Formatradio, MTV, Viva gehen: irrelevant werden. Wer gute Alternativplayer kennt, möge mir die mitteilen - noch weiche ich gerade mal hin und wieder auf Myspace aus, mehr fällt mir nicht ein. Und weiters: Solange es noch geht, hier ein paar meiner Lieblingsclips (wobei nicht gesagt ist, dass ich die Songs so wahnsinnig klasse finde).

The Cardigans, My favorite game (1998) - wegen des Steins am Ende.


Death in Vegas, Hands around my throat (2003) - wegen des eindeutigen Fetischbezugs.
Death in Vegas - Hands around my Throat


Dan Le Sac vs Scroobius Pip, Thou shalt always kill (2007) - weil dieses Video alles enthält, was ein Video braucht.
Thou Shalt Always Kill



Fettes Brot
, Schwule Mädchen (2001) - wegen, ach, überhaupt.


To be continued ...

Sonntag, 8. März 2009

Phantom/Ghost

Es brauchte seine Zeit, bis ich Phantom/Ghost richtig einordnen konnte. Nach der ersten Platte 2001 hatte ich noch den Eindruck, Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow und Superpunk-Keyboarder Thies Mynther wollten die Hausse der deutschen Indieelektronik nicht tatenlos an sich vorbei ziehen lassen und eine Hamburg-Berliner Notwist-Platte aufnehmen. Nach "To Damascus" (2003) dachte ich, es ginge hier tatsächlich um ein bildungsbürgerliches Programm, Kunst und Theater und Ernst als Bekenntnis. Nach "Three" (2006) war ich plötzlich der Meinung, Phantom/Ghost seien irgendwo zwischen Märchen, Folk und Horror gelandet, ernst nehmen konnte ich das nicht mehr wirklich.
Demnächst erscheint "Raise the dead", und mittlerweile wird immer deutlicher, dass Phantom/Ghost all das sind und noch viel mehr: Sie sind Kunst. Sie sind ein großer Witz. Sie sind ernst. Sie sind Horror. Das geht alles zusammen, die Trash-Bezüge und der Camp, wenn von Lowtzow theatralisch seine Stimme brechen lässt, wenn sie auf der Bühne eine Flasche Sekt köpfen, wenn diese Musik in all ihrem verfallenden Glamour kenntlich wird.
Und nicht nur das: Phantom/Ghost strahlen aus auf die Stammbands von Mynther und von Lowtzow. Natürlich können Superpunk weiter ihren stumpfen Northern Soul pflegen, natürlich können Tocotronic weiterhin konventionellen Indierock spielen, weil durch Phantom/Ghost klar ist: Es gibt mehr, hinter dieser dünnen Schicht der Konvention versteckt sich unüberschaubar viel schon leicht angeschimmelter ... Plüsch. Uneindeutig, verrätselt, campy.
Kunst, sicher. Weswegen der Text zu Phantom/Ghosts Relax, it's only a ghost (2006) auch 1:1 im Katalog der jüngsten documenta auftauchte. Zum Werkraum Cosima von Bonins, zu wem sonst. Konzeptkunst, Überfülle, Verfall.

Relax Its Only A Ghost

Donnerstag, 26. Februar 2009

M.I.A.

Matthias erzählt, dass Coldplay die weltweit erfolgreichste Band des vergangenen Jahres gewesen sei. Nichts gegen Coldplay, das ist nicht meine Musik, aber in ihrem Genre sind die vier Herren wohl schon in Ordnung. Pathosschwangerer Gitarrenpop fürs Stadion, formale Ambitionen, inhaltlicher Goodwill, Indievergangenheit, Mainstreamappeal, da kann man nichts gegen sagen. Man muss es ja nicht hören.
Das Problem ist, dass man Coldplay anscheinend sehr wohl hören muss. Immer. Überall. Ich steige ins Flugzeug, lande nach ein paar Stunden in Kiew und höre: Coldplay. Ich fliege weiter nach Chişinău, betrete die Ankunftshalle, und aus den Lautsprechern dröhnt: Coldplay.
Ist das denn so? Hört man überall auf der Welt das Gleiche? Eigentlich doch nicht. Schon in Russland machen westliche Bands keinen Stich, und Russland ist nicht unbedingt ein anderer Kulturkreis. Türkei, Lateinamerika, Afrika, Japan: Überall sind Coldplay nur eine Band unter vielen Exotismen, lokal hört man anderes. Ganz anderes. Das Gerede von den Weltstars Coldplay aber ebnet diese Vielfalt ein, sorgt für einen steten, immer gleich klingenden Sound des Mainstream. Und verschleiert, dass es solch einen Mainstream gar nicht gibt. Das ist im Interesse der Musikindustrie: Was wäre es praktisch, gäbe es tatsächlich Stars, die sich global vermarkten ließen, man könnte Budgets auf ein Minimum eindampfen, weil ohnehin überall der gleiche US-amerikanisch-britisch-europäische Sound läuft. Merkt irgendjemand, dass diese Sehnsucht nach einem weltumspannenden Einheitssound von den gleichen Leuten frmuliert wird wie die Behauptung es gebe weltweit keine Alternative zur westlichen Pseudodemokratie auf Basis von Kapitalismus und christlichem Menschenbild?
Das mag ich so an der französischen Popszene: Dass die multikulturelle Gesellschaft hier nicht zu einem Einheitsbrei zermatscht, sondern in all ihren Brüchen abgebildet wird. Als wild-anarchische Bricolage aus Chanson, arabischen und nordafrikanischen Klängen, HipHop. Das nervt mich an der Nouvelle-Chanson-Szene: Dass hier ein Stil durchgesetzt wird, der stockkonservativ traditionelle Chansons mit britischem Indierock und US-amerikanischen Songstrukturen kreuzt, ohne auch nur einen Schritt weiter zu denken. Aber Frankreich ist nah, es bedarf keiner allzu großen Anstrengungen, um festzustellen, dass es hier noch viel mehr gibt außer Benjamin Biolay.

Leider kommt man an die Vielfalt der internationalen Sounds nur schwer ran. Es geht ja nicht um die folkloristische Ödnis von Weltmusik, es geht darum, zu hören, was im Senegal, in Thailand und in Montenegro an Popmusik gehört wird. Und dafür bracht man Gatekeeper: Indielabels, die leider auch nichts anderes machen als ein britisches Indieverständnis weltweit durchzuprügeln. Im Ergebnis bekommt man dann grauenhafte Bands wie Vampire Weekend, die ganz kalkuliert Afrobeat mit Indierock kreuzen. Buäh.

M.I.A. aka Mathangi Arulpragasam aka மாதங்கி அருள்பிரகாசம் ist das positive Pendant zu Vampire Weekend. Gebürtig in London, aufgewachsen in Sri Lanka, lebt heute nomadisch. Grenzen: unwichtig. M.I.A. mischt HipHop mit Bollywood mit Indie mit cheesy Pop aus allen Ecken der Welt, sie ist klug, sensibel, aggressiv, politisch naiv, extrem, durchdacht, heftig, prollig, intellektuell. Geht alles. Dazu passt, dass M.I.A. nicht nur Popmusikerin ist, sondern auch anerkannte Bildende Künstlerin, was man nicht zuletzt an ihren kunstvollen Videos (hier: Jimmy aus dem wunderbaren zweiten Album "Kala" (2007)) merkt. Grenzen? Fuck it.

Dass Pop eine nomadische Struktur hat: kein ganz unwichtiges Fazit.

Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

Aktuelle Beiträge

Nein, Liebste, das hat...
Manchmal, in langen Beziehungen, springt man zur Seite,...
zahnwart - 20. Jun, 17:37
Richtersprüche
Daniel Richter zieht um. Nun gut, es ist noch keine...
zahnwart - 19. Jun, 15:52
Bedways
Okay, Filme über Sex, das ist so eine Sache....
zahnwart - 14. Jun, 12:50
Wir Nazienkel
Politische Psychologie ist eine eigenartige Disziplin....
zahnwart - 11. Jun, 13:36
Eine kleine Geschichte...
Als dann klar war, dass Lena Meyer-Landrut den Eurovision...
zahnwart - 3. Jun, 21:30

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 3173 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 17:37

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this topic

twoday.net AGB