Opa erzählt vom Krieg



Ich war noch nie im Berghain. Helene Hegemann war angeblich schon mal da, behauptet sie, obwohl das Berghain ja angeblich der Laden mit der härtesten Tür der Stadt, ach was, des Landes sein soll. Unter 18 käme da niemand rein, was deswegen bemerkenswert ist, weil Hegemann erst 17 ist, wobei mir andererseits egal ist, ob es jemand schafft, die härteste Tür von wo auch immer auszutricksen, im Gegenteil: Ich freu mich dann doch für denjenigen.
Die andere Frage ist die, ob ich eine harte Tür überhaupt gut finden soll. Der legendäre Ruf des Berghain beruht ja zu einem Gutteil auf dieser berüchtigten Tür, angeblich würden jedes Wochenende ganze Partytouristengruppen von weither abgewiesen, die dann am nächsten Samstag wieder in der Schlange stünden, still hoffend, diesmal vielleicht eingelassen zu werden. (Davon abgesehen, dass ich es keinem Clubbetreiber verübeln kann, wenn er keine Touries im Laden haben will: Ist das glaubhaft? Dass die Styler aus London und Paris und Barcelona jedes Wochenende anreisen, nur auf Grund einer unbestimmten Hoffnung?)

Eine harte Tür, das bedeutet Elitenformung: Wir haben die, die rein kommen, und wir haben die, die draußen bleiben müssen. Aber: Als ich in Berlin lebte, damals, vor gut zehn Jahren, gab es solch eine Türsteherkultur noch nicht. Ich kam problemlos in jeden Laden, in den ich wollte, ins Maria, ins Eschschloraque rümschrümp, in die Galerie berlintokyo. Und das waren nicht die schlechtesten Läden, vor allem: Ein Publikum, das man nicht haben wollte, kam einfach nicht. Die fühlten sich in meinen Läden schlicht nicht wohl. Wenn man so wollte, hat sich die Elite ganz von alleine rausgebildet, ganz ohne Türsteher.
Und plötzlich hatte der erste Laden eben doch seinen Türsteher: der Kurvenstar am Hackeschen Markt. Mich störte das nicht, das Kurvenstar-Publikum war eine Mischung aus Dorfprolls und Schickis, mit denen wollte ich sowieso nichts zu tun haben, aber im Stadtmagazin Zitty gab es plötzlich aufgeregte Debatten: ob womöglich der Kurvenstar die Qualität des Berliner Nachtlebens ohne Not aufgeben würde, ob Berlin nicht gerade deswegen so cool sei, weil es hier anders zuginge als in Hamburg oder München?

Diese Erinnerungen haben etwas von "Opa erzählt vom Kieg", schon klar. Vielleicht lässt sich der Charme des Jahrtausendwende-Berlins schlicht nicht konservieren, in einer Zeit, in der der Easyjetset in die Stadt eingefallen ist, vielleicht muss man mittlerweile wirklich darauf achten, dass nicht Hinz und Kunz aus London, Paris und Barcelona die Clubs zuballern. Und außerdem lebe ich längst in Hamburg und habe mich absolut damit arrangiert, dass es hier überall Türsteher gibt. Vielleicht lassen sich Türsteher ja wirklich nicht vermeiden.

Aber dass die größte Qualität eines wahrscheinlich ganz coolen Clubs sein soll, die härteste Tür der Stadt zu habe, das finde ich trotzdem: traurig.

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Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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