Pop will it eat itself

Wenn die ganze Stadt von einer Ausstellung redet, dann will man gerne mitreden. Gut, dass ganz Hamburg über "Pop Life" in der Galerie der Gegenwart redet, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass sich mittlerweile rumgesprochen hat: Es gibt ein paar Pornoräume in der Ausstellung (in denen man dann aber hauptsächlich die schon x-mal gesehene "Made in Heaven"-Serie von Jeff Koons vorgeführt bekommt, gähn). Trotzdem, "Pop Life", Pop Art von Warhol über Kippenberger und Koons bis zu Tracey Emin. Schön.

Oder auch: weniger schön. Die von der Tate Modern übernommene Ausstellung findet rein gar keine Haltung zu ihrem Gegenstand, Pop ist für sie reine Systembejahung, darüber hinaus gefällt sie sich darin, Kunstwerke so zu präsentieren, wie ein verhältnismäßig kunstfernes Publikum sie präsentiert haben möchte. Pop bedeutet für solch ein Konzept vor allem, ideologisch nach allen Seiten offen zu sein - dass das in der Praxis allerdings heißt, in erster Linie offen nach rechts zu sein, blendet die Ausstellung aus. Dabei würde schon ein kurzer Überblick über die politische Verortung helfen. Schnell stößt man da auf: die Nähe Warhols zu Ronald Reagan, die Begeisterung des Young-British-Art-Impressarios Charles Saatchi für Margaret Thatcher. Besonders perfide, dass gerade Jeff Koons eine gemeinsame Geschichte mit Hamburg hat: 2003 sollte der Künstler eine Rauminstallation auf dem Hamburger Spielbudenplatz realisieren, ein Plan, der nach heftigen Protesten fallen gelassen wurde. Die Ausstellung stellt diese Entwicklung als Sieg pfeffersäckischen Provinzialismus hin und lässt dabei unter den Tisch fallen, dass Hamburg 2003 von einer rechten CDU-Schill-Koalition regiert wurde und dass es unter Künstlern wie Kulturschaffenden einen Konsens gab, Leuten wie der Kultursenatorin Dana Horáková oder dem Bausenator Mario Mettbach nach Möglicheit nicht die Hand zu geben. Ein Konsens, der von Koons ohne Not aufgekündigt wurde, Pop Art blieb für ihn reine Kunst auf Seite der Mächtigen. Was "Pop Life" verschweigt.

Man hätte das auch anders machen können. Man hätte den überraschend klug nachgebauten "Pop Shop" von Keith Haring auch anders einführen können als ausgerechnet durch die Erklärung, dass Haring hier begeistert die kapitalistischen Vermarktungsprinzipien adaptiert hätte. Man hätte auch erklären können, dass Haring im "Pop Shop" ähnlich vorgeht wie ein Musiker, der sich entschließt, seine Musik selbst zu vertreiben, ohne Rückhalt durch die Musikindustrie - der macht das schließlich auch nicht, weil er die Industrie so toll findet, der macht das, weil er (berechtigte) Zweifel daran hat, dass die Industrie für ihn ausschließlich das Beste will. Man hätte auch das Video von Andrea Frasers Arbeit "Untitled" (in dem die Künstlerin mit einem, höhö, potenten Sammler schläft) so kommentieren können, dass die sexualpolitische Sprengkraft dieses Werks deutlich wird - und es nicht nur als Bebilderung der Klein-Fritzchen-These "Die Kunst macht fürs Kapital die Beine breit" einsetzen.

"Pop Life" kommt irgendwie zu spät, auch wenn ein paar verhältnismäßig aktuelle Künstler hier zu sehen sind. Aber: Warhol, Koons, auch Takashi Murakami mögen zwar immer noch extrem erfolgreiche Künstler sein, mit dem, was Pop Art derzeit bedeutet, haben sie in ihrer Betonung aufs Schrille, Laute, Bunte rein gar nichts zu tun. Ganz kurz, in einem eher unmotiviert aufgebauten Martin-Kippenberger-Raum, beschleicht einen das Gefühl, dass Pop eigentlich viel mehr sein kann als diese unerträgliche Aneinanderreihung von Erfolgsgeschichten. Dass in Leipzig, Dresden und Berlin gerade eine ganz eigene Pop-Generation arbeitet, die sich in den Kitsch-Nymphchen Martin Eders ausdrückt, im aggressiven Hardcore-Realismus Norbert Biskys, in der stillen Ernsthaftigkeit Tim Eitels.

Nicht dass ich das uneingeschränkt gut gefunden hätte. Aber interessant, doch, interessant hätte ich es schon gefunden.

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Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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