Das habe ich so nie gesagt

Die Süddeutsche Zeitung wollte ein Interview mit dem Spaßmacher Eckart von Hirschhausen führen. Das ist ihr Job, auch wenn ich denke, dass es interessantere Gegenstände der Berichterstattung gibt, aber okay, ich will ihnen da nicht reinreden. Also, ein Interview. Um einen Termin zu bekommen, wandten sich die Münchner an seine Pressestelle, das ist der übliche Weg. Die ist bei Herrn Hirschhausen ans Management angegliedert, und das schickte den Journalisten einen Forderungskatalog, der am Ende dafür verantwortlich war, dass der geplante Text nicht in der Zeitung erscheinen konnte. Stattdessen gab es ein erklärendes Stück, das die Süddeutsche leider nicht online stellte, es allerdings in ihrer Printausgabe veröffentlichte, so dass Stefan Niggemeier aus dem Vertrag zitieren konnte:

1. Wir gehen davon aus, dass Sie KEINE privaten Fragen stellen und auch keine privaten Informationen über Eckart von Hirschhausen in Ihrem Beitrag verarbeiten. Wir legen auf eine strikte Trennung von Berufs- und Privatleben wert; Eckart von Hirschhausen ist einer der Künstler, der sich ausschließlich über sein berufliches Wirken definiert.

2. Sie legen uns Ihren Beitrag in vollem Umfang vor dem Druck zur Autorisierung vor; bitte nicht nur die Hirschhausen-Zitate, sondern den gesamten Beitrag, damit wir den Zitatezusammenhang auch erkennen können.

3. Eckart von Hirschhausen bzw. das Management haben das Recht, Einwände zu äußern und eine Textänderung zu bewirken, wenn die Person ‚Eckart von Hirschhausen’ nicht korrekt dargestellt wurde.

Eine Frage: Haben Sie einen Fotografen dabei? Wenn ja, dann bringen Sie doch bitte auch eine Maske mit.


Zusammenfassung: Ein Journalist will einen Text über jemanden schreiben. Dieser jemand stellt unzumutbare Bedingungen für ein Treffen. Der Journalist geht nicht auf diese Bedingungen ein und schreibt darauf einen anderen Text, der eben diese Bedingungen zum Thema hat. Um auch noch die andere Seite zu hören: Heute meldet die taz vorab, dass Hirschhausen das mit dem Vetrag alles nicht so gemeint haben wollte. Was ich ihm zwar nicht glaube, aber gut.

Erschreckend aber, wie sich die Kommentare auf Stefan Niggemeiers Blog seither beharken. Man könnte ja tatsächlich eine Diskussion über die Autorisiserungspraxis in der deutschsprachigen Medienlandschaft starten: Ich bin da gar nicht so strikt wie britische und US-amerikanische Journalisten, die Autorisierungen grundsätzlich ablehnen, mir ist es lieber, meine Interviewpartner haben die Chance, zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, weil sie wissen, dass sie später nochmal über ihre Zitate drüber schauen können, als dass sie mir ein Interview nur mit Schere im Kopf geben. Wie gesagt, das sehen andere anders, und eben deswegen sollte man darüber reden. Vielleicht ist das auch schlicht vom Interviewpartner abhängig, möglich.

Niggemeiers Leser aber sind nicht so differenziert - eine große Mehrheit ist schlicht der Ansicht, Hirschhausen habe recht.
"Vielleicht ist das die logische, wenn auch bedauerliche Konsequenz aus BILDesken „Journalisten”, die auch nach einem Interview letztlich schreiben, was sie möchten und nicht, was gesagt wurde" schreibt Katrin Wiegand.
"Er möchte nicht, dass Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden bzw. in einem falschen Kontext erscheinen. Wie wunderbar das geht, beweisen doch die BILD und RTL mit seinen „Magazinen” Explosiv und Exklusiv jeden Tag" schreibt "Pharmaberater".
"Ist doch völlig selbstverständlich, dass man einen Artikel über sich selbst vor Veröffentlichung zu Gesicht bekommt und notfalls die Veröffentlichung ablehnen kann" schreibt "Benedict".
"Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Journalisten grundsätzlich irgendwas schreiben, aber nie das, was man wirklich gesagt hat. Und das sind keine Einzelfälle, das ist die Regel. Immer und ohne Ausnahme. Da wird einfach etwas dazugedichtet und komplett neu zusammengesetzt und das Ergebnis hat nichts mehr mit dem eigentlichen Interview zu tun. Solange Journalisten nicht lernen, sich an das zu halten, was im Interview wirklich gesagt wird, bleibt nur, jeglichen Kontakt mit der Presse zu vermeiden oder entsprechende Bedingungen zu stellen und rigoros durchzusetzen" schreibt "order_by_rand ".

Und so geht das weiter. Im Moment 184 Kommentare, and counting. Hirschhausen hat recht, die Süddeutsche ist doof, Journalisten eh das letzte, man muss sich nur mal Bild, RTL oder die Yellow Press anschauen. Warum schreibt eigentlich niemand, dass es einen Unterschied zwischen Bild und Süddeutscher gibt? Weil das niemand weiß? Weil tatsächlich alle Journalisten in einem Topf landen, der mit dem Label "Journaille" versehen wird?
Woran liegt das? Ich fühle mich von den Kommentaren bei Niggemeier tatsächlich persönlich angegriffen. Weil es mein berufliches Selbstverständnis berührt: Ich bemühe mich immer, meinem Gesprächspartner gegenüber fair zu sein. Und alle Kollegen, mit denen ich darüber spreche, haben ähnliche Ideale. Also: warum dieses Misstrauen?

P.S. Zur Auswüchsen der Autorisierungspraxis verweise ich auf ein Interview, das mein Kollege Volker Sievert vor Jahren mit der Schauspielerin Hannah Herzsprung führte.

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Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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