Im Wald. Hinter den Bergen.

Der geschätzte Don Alphonso schreibt über Lokaljournalismus. Und kommt zu dem Schluss, dass der Lokaljournalismus schlecht ist: Die Autoren sind uninspiriert, zeigen keinerlei Engagement, sind unterbezahlt. Der Don berichtet von einem Tageszeitungsredakteur, der bei ihm zur Untermiete gewohnt habe und von 700 Euro netto im Monat leben musste, was mir allerdings sehr wenig erscheint. Wir reden, soweit ich das richtig sehe, von Ingolstadt, da erscheint der Donaukurier – und die sind doch tarifgebunden, nein? Und selbst bei untertariflicher Bezahlung: 700 Euro? Egal, dass Journalisten schlecht bezahlt werden, ist bekannt.

Auf jeden Fall erinnerte ich mich beim Lesen an meine ersten Gehversuche als Lokaljournalist. In einem Kaff im Hintertaunus. Wir waren ein kleines, lustiges Team, das fröhlich die tägliche Lokalausgabe einer regionalen Mantelzeitung zusammenkloppte. Waren wir uninspiriert? Kaum. Zeigten wir kein Engagement? Doch, wohl taten wir das. Waren wir unterbezahlt? Natürlich (wobei trotzdem mehr als 700 Euro übrig blieben). Untalentiert, ohne Ideale, zu blöd für einen ordentlichen Job? Doch, so lauten die Vorwürfe in Dons Kommentarspalte, ganz ohne Ironie.
Aber mal ernsthaft: Woran lag es, dass das Blatt trotz unseres Engagements, trotz unseres Talents, trotz unserer Ansprüche schlecht war? Zum Heulen schlecht?

Es lag daran, dass ein gutes Blatt gar nicht gewollt war. Man kann als Journalist natürlich darauf verzichten, Vereinsberichterstattung zu machen, man kann hart politisch recherchieren (und sage niemand, dass das Lokale da keine Themen biete. Die liegen auf der Straße, von der Auftragsvergabe für die Sanierung des Gemeindehauses bis zur nicht ganz korrekt verlaufenen Grundstücksverteilung im Neubaugebiet), man kann die Herrschenden mit Fakten angehen. Nur interessiert das keinen. Die Leute wollen das nicht lesen, die erwarten das nicht mal. „Ach, euch les’ ich nicht, bei euch stehen doch nur Berichte über den Kaninchenzüchterverein“ – wie häufig habe ich so etwas gehört. Da konnten wir noch so deutlich sagen, dass wir keine Vereinsberichterstattung machten, das wurde einfach nicht wahrgenommen. Die einzigen, die es wahrnahmen, waren die Kaninchenzüchter. Und die hassten uns dafür.
Talentiert, engagiert, unterbezahlt. Gehasst, nicht ernstgenommen. Es war keine gute Zeit, im Hintertaunus. Und dann vergisst man über kurz oder lang mal, dass man Talent hat, dann schreibt man einen Text, der sprachlich suboptimal ist, dann zersägt man ein Argument, dann formuliert man eine Meinung, die eben doch nicht durch so eine gründliche Recherche gedeckt ist, wie sie eigentlich sein sollte. Und, zack!, hauen sie auf einen drauf. Weil sie einen noch nie gemocht haben, weil sie nur eine Gelegenheit gesucht haben, zu beweisen, dass die Herren und Damen Journalisten keine Ahnung haben. Zu blöde sind für einen ordentlichen Job.
Entschuldigen diese Erfahrungen schlechten Journalismus? Auf keinen Fall. Erklären sie ihn? Ein bisschen.

Seit Jahren bin ich weg, keinen Tag habe ich es bereut, den Lokaljournalismus aufgegeben zu haben. Aber klar ist mir: Es ist wichtig, dass es Leute gibt, die diesen Journalismus gut machen. Und noch wichtiger ist, dass es Leser gibt, die wissen, was sie an dieser Art Journalismus haben. Insbesondere bei letzterem habe ich große Zweifel, nachdem ich Dons Text und die entsprechenden Kommentare gelesen habe, erst recht.

Trackback URL:
//bandschublade.twoday.net/stories/im-wald-hinter-den-bergen/modTrackback

Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

Aktuelle Beiträge

Nein, Liebste, das hat...
Manchmal, in langen Beziehungen, springt man zur Seite,...
zahnwart - 20. Jun, 17:37
Richtersprüche
Daniel Richter zieht um. Nun gut, es ist noch keine...
zahnwart - 19. Jun, 15:52
Bedways
Okay, Filme über Sex, das ist so eine Sache. Weil...
zahnwart - 14. Jun, 12:50
Wir Nazienkel
Politische Psychologie ist eine eigenartige Disziplin....
zahnwart - 11. Jun, 13:36
Eine kleine Geschichte...
Als dann klar war, dass Lena Meyer-Landrut den Eurovision...
zahnwart - 3. Jun, 21:30

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Suche

 

Status

Online seit 4572 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 17:37

Credits