Tomte

1.
Versuche, Tomte nicht zu mögen. Tomte sind: musikalisch öde. Textlich zu sehr eins zu eins. Inhaltlich white male corporate heterosexual rock. Tomte sind eine hierarchische Struktur, vollkommen auf den Sänger Thees Uhlmann ausgerichtet. Tomte sind Gitarrist, Bassist, Keyboarder, Schlagzeuger und ein Sänger, der außerdem die zweite Gitarre spielt, die Bryan-Adams-Besetzung. Bier, Fußball, Jungsfreundschaft. Uhlmann kommt vom Land.

2.
Tomte lassen sich mit einem Begriff ganz gut charakterisieren: Wahrhaftigkeit. Uhlmann ist so einer, der wahrscheinlich wirklich glaubt, dass seine (seine!) Band durch ein unzerbrechliches Freundschaftsband zusammengehalten wird, und der trotzdem kein Problem damit hat, die Band eine Woche später rauszuschmeißen, ging eben nicht mehr, Probleme, glauben wir ihm. Es gibt ein paar zentrale Motive, die in Tomte-Songs immer wieder auftauchen: das Wissen, wo man herkommt ("Schreit den Namen meiner Mutter", 2003). Die große, wichtige, allumfassende Liebe ("Ich sang die ganze Zeit von dir", 2006). Der Alkohol, die Entgrenzung, der Exzess ("Wie siehts aus in Hamburg?", 2008). Die Freundschaft (Was den Himmel erhellt", 2006). Den Stolz auf das Erreichte (immer auf Konzerten: die ehrliche Freude über ausverkaufte Hallen). Eher nicht: Ironie. Auch nicht so: Politik. Uhlmann ist sicher ein aufrechter Linker, was nichts daran ändert, dass auch CDU-Wähler unverstört Tomte hören können.

3.
Das ist so schwer. Dieser eigenartige Schwanzvergleich mit Kettcar, "Ich habe den Längeren respektive mehr Platten verkauft als du, aber ich freue mich auch mit dir, wenn du mal gewinnst". Dieses Mittelständlerhafte. Dieses Muckertum, bei gleichzeitiger (nicht unsympathischer!) Betonung der Tatsache, dass Uhlmann als Sänger einer konsequenten Muckertruppe längst rausgeflogen wäre, wo er doch so gut wie keinen Ton trifft. Überhaupt, diese Stimme reißt vieles wieder raus.

4.
Denn dann kriegen mich Tomte doch immer wieder. Mit der springenden Nadel bei "Die Schönheit der Chance" (2003). Mit der Erwähnung meiner Studienstadt Gießen bei "Wilhelm, das war nichts" (2000). Mit den eindeutigen Smiths-Anleihen (Smiths! Metrosexualität, Jungfräulichkeit, Camp! Und das von Uhlmann!) bei "Ich sang die ganze Zeit von dir" (2006). Und mit den ersten 60 Sekunden von Heureka (2008).


TOMTE - Heureka from Kay Otto on Vimeo.

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Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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