Samstag, 30. Januar 2010

Alster

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Schöhön!

Mittwoch, 27. Januar 2010

Unter Krähen

Elbphil_WestAnsicht
Abb.: © Herzog & de Meuron

Vor meiner Haustür wächst sie langsam in die Höhe: die Elbphilharmonie, ein Konzerthaus der Superlative. Riesig, mit der besten Akustik, die derzeit auf dem Markt ist, ein architektonisches Kleinod aus der Hand der schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron, das als Dachskulptur den wogenden Ozean zitiert, nicht zuletzt eine Landmarke, ein neues, postmodernes Wahrzeichen des Hamburger Hafens. Schön. Und langsam nimmt das Ding Gestalt an. Sehr langsam.
Eigentlich hätte diesen Herbst Eröffnung gefeiert werden sollen, eigentlich, das heißt: Als die Planungen 2003 der Öffentlichkeit präsentiert wurden, dachte man so. Mittlerweile hofft Intendant Christoph Lieben-Seutter auf eine Eröffnung im Mai 2012, woher er diese Hoffnung nimmt, bleibt unklar. Parallel explodieren die Kosten, von 150 Millionen Euro 2003 auf aktuell 450 Millionen, von denen die Stadt Hamburg, also die Öffentlichkeit, 323 Millionen zu schultern hätte.
Mittlerweile aber haben wir Finanzkrise, die öffentliche Hand schraubt Investitionen zurück, wo es nur geht, es wird gespart am Schulessen, an Unterstützung von ALG-II-Empfängern beim ÖPNV, an Schulen und Kitas. Und an der Kultur. Museen werden teurer, Theater müssen die Preise ebenso erhöhen. Und im Hafen wächst die Elbphilharmonie langsam in die Höhe, für 450 Millionen Euro.

Die Elbphilharmonie hat sich mittlerweile zum Hassobjekt entwickelt, unter Linken wie in der Kulturszene. Und es ist ja auch nachvollziehbar: An allen Ecken wird gespart, Soziales wie Kultur werden bis zum ganz konkreten Ersticken gewürgt, und im Hafen wird ein Projekt hochgezogen, das (mit Ausnahme der unzweifelhaft spektakulären Architektur) keinerlei künstlerische Avanciertheit erkennen lässt, koste es, was es wolle. Und da passt natürlich auch die schwarz-gelbe Umverteilungsdebatte gut ins Bild: Denen unten wird genommen (nämlich das kostenlose Schulessen oder die bezahlbare Karte fürs wirklich avancierte Theater), denen oben wird gegeben (nämlich ein Konzerthaus, das Programm und Preise schon entsprechend anpassen wird, damit niemand von unten hier reinkommt).
Dieser Hass ist verständlich. Aber ist er auch sinnvoll? Es hat der Kulturszene nie gut getan, wenn sie gespalten wurde. Beispielsweise war es ein großer Fehler des Theaters in den Achtzigern, sich in (vorgeblich avancierte) Off-Szene und (vorgeblich altbackenes) Stadttheater auseinanderdividieren zu lassen. Eine Krähe sollte der anderen kein Auge aushacken, tut sie es doch, besteht die Gefahr, dass am Ende beide Krähen verlieren und nur die Vogelscheuche gewinnt. Denn glaubt irgendjemand ernsthaft, dass sich die Kosten für die Elbphilharmonie andernorts in der Kulturszene besser anlegen ließen? Und sieht eigentlich jemand, was für Peanuts die Beträge sind, über die wir hier reden, im Vergleich zu echten Umverteilungsgeschichten wie den FDP-Geschenken an die privaten Krankenversicherungen?
Ja, die Elbphilharmonie steht wahrscheinlich für eine Kultur, die nicht die meine ist. Es gibt auch Viele, die nichts mit der Ästhetik des Thalia Theaters anfangen können, das sei ihnen unbenommen. Nur wenn sie fordern, dem Thalia die Unterstützung zu streichen, dann werde ich aggresiv.

Ein anderes Thema ist natürlich, weswegen eigentlich niemand die Verträge so gestaltet hat, dass man von a) einem festen Preisrahmen und b) einem klaren Zeitplan ausgehen konnte. Läuft das so ab, dass ein Baukonzern ankündigt, dass er mal anfängt zu arbeiten, wieviel es kostet, könne er aber noch nicht sagen, und die Arbeitsdauer, naja, da müsse man auch mal sehen? Oder haben sich die Verantwortlichen auf städtischer Seite schlicht über den Tisch ziehen lassen? Dann muss man sich schon die Frage stellen, weswegen man diesen Verantwortlichen, namentlich der regierenden CDU, auch nur eine Handvoll wirtschaftlichen Sachverstands zutraut.

Aber die Frage stellt ja niemand. Es ist ja viel wichtiger, die Elbphilharmonie grundsätzlich in Frage zu stellen.

Mittwoch, 20. Januar 2010

Der Lehrer spricht

So siehts aus: Die Spex, liebster Plattenrezensierer der Printmedienlandschaft, schafft die journalistische Form Plattenkritik ab. Keine apodiktische, abwägende Meinung zu einer neuen CD, dafür Gespräche. Was insbesondere in der Tagespresse hohe Wellen schlägt: Der Tagesspiegel schrieb einen Kommentar unter dem Titel "Meinung war gestern", in der FAZ durfte Altspexler Dietrich Diedrichsen einen immerhin recht differenzierten Text verfassen. Und dann, natürlich, die Kommentare.

Als dann endlich die gedruckte Spex erschien war ich ein wenig enttäuscht. Ja, es gab keine echten Rezensionen mehr, dafür gab es (manchmal leicht gekünstelt wirkende) Gespräche der Redakteure untereinander. Wie fandest dus denn? ... Ah, hm, da sagst du was ... Redet so eigentlich jemand? Aber egal.
Denn grundsätzlich ist die Idee der Spex richtig. Was ist das überhaupt für eine komische Form: Rezension? Braucht das jemand? Einen allwissenden Kritiker, der mir sagt, wie eine kulturelle Äußerung zu bewerten sei? Bildet sich so eine ästhetische Meinung? Kaum, eher doch: im Gespräch. Im diskursiven Austausch. Und einen solchen immitiert die Spex, zunächst ästhetisch vielleicht ein wenig nbeholfen, auf lange Sicht hoffentlich versierter.

Das sage ich als jemand, der, nur nebenbei, seinen journalistischen Weg im Genre Rezension begonnen hat: Jahrelang schrieb ich ausschließlich Theaterkritiken. Und fand das unheimlich wichtig. Wenn ich mir allerdings die Artikel zur Spex anschaue, dann komme ich immer mehr zur Erkenntnis: Die wirklich interessanten Argumente finde ich nicht im Text, die finde ich in den Kommentaren. Im Gespräch.

Mittwoch, 13. Januar 2010

Nach drüben

Ich mag ja den Flix, also, als Comiczeichner, meine ich. Weil er einen guten Blick für Alltagssituationen hat, weil sein Strich unspektakulär ist aber genau, weil er über Männer-Frauen-Pärchensituationen Witze machen kann, die ziemlich lange Bärte haben, und trotzdem denkt man dabei nicht an Mario Barth, sondern an Loriot. Flix ist ein Guter, wirklich.
Aber natürlich ist Flix kein Subversiver. Oder er ist so rafiniert subversiv, dass ich nichtmal mitbekomme, wie er auch mich unterwandert, aber das glaube ich nicht. Vielmehr glaube ich, dass Flix un-vor-stell-bar affirmativ ist. Der will gemocht werden, der will dazu gehören. Womit Flix das Gegenmodell zum ebenfalls verehrten Mawil ist, der eigentlich immer nur zeichnet, wo er überall nicht dazu gehört. Mawil und Flix, das sind zwei Enden einer Skala, und beide Enden schätze ich auf ihre Weise.

Nun ist es so, dass Flix vor einiger Zeit begonnen hat, Interviews zu führen über das Verhältnis heutiger Thirtysomethings zur DDR. Und aus diesen Interviews hat er dann Comics gemacht, zunächst für eine Serie im Berliner Tagesspiegel, später dann für ein Buch namens "Da war mal was ...". Und für eine Ausstellung, organisiert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Und für Unterrichtsmaterialien, die von besagter Stiftung kostenlos an Lehrer und Erzieher verteilt werden. Ganz schön staatstragend, das.
Andererseits, staatstragend, gut und schön: Ich mochte die Herangehensweise von Flix, ich mochte den bitteren Humor, ich mochte den Dreh, konkrete Geschichte ohne Belehrung, ohne erhobenen Zeigefinger lebensnah im Comic zu verarbeiten. Dass ich in der Bewertung der DDR häufig eine andere Meinung habe als die in den "Da war mal was ..."-Episoden formulierte: Sei es drum. Wenn man schon nach Vorteilen des bundesrepublikanischen Systems im Vergleich zur DDR suchen muss, dann doch wohl das: Hier ist es erstmal kein Problem, wenn zwei Menschen unterschiedlicher Meinung sind, solange sie weiterhin zivilisiert miteinander umgehen. Zum Beispiel, wenn das Gegenüber so gute Umgangsformen hat wie Flix.

Nun geht "Da war mal was ..." aber weiter. Sporadisch erscheinen neue Folgen im Web, und die jüngste hat mich erschrocken. Der Protagonist gerät hier auf eine Versammlung Ewiggestriger, die betonen, dass in der DDR nicht alles schlecht gewesen sei und kommentiert das mit

"Wie krass, dachte ich. Das Leugnen der Verbrechen im Nationalsozialismus steht unter Strafe, aber das Leugnen der Verbrechen im Sozialismus nicht."

Harter Tobak. Wobei Flix für den natürlich nicht angreifbar ist, weil: Ist ja nicht er, der hier spricht. Ist ja ein Interview, ist ja Rollenprosa. Auf keinen Fall würde Flix den Nationalsozialismus mit der DDR gleichsetzen, oder?
Nein, glaube ich wirklich nicht. Flix ist kein Rechter. Bei den Gestalten, die die Episode in den Kommentaren hochjubeln, bin ich mir allerdings nicht so sicher. Wer hier von "Beste Folge für mich bisher!!! Grandios! Hoffe die kommt in der erweiterten Auflage mit rein … dann würd ich mir auch nochmal die 2. Auflag kaufen. Allein dafür!!" (sic) schwärmt, will meines Erachtens nach nur eines: einen echten Austausch verhindern, die DDR als Unrechtsstaat auf ewig in den Geschichtsbüchern verankern, jedes relativierende Bild als Geschichtsrevisionismus verdammen.
Flix unternimmt nichts gegen diese Jubelperser, da bin ich vielleicht wirklich traurig. Ein kurzer Kommentar wie "NS-DDR-Vergleiche gehen gar nicht" oder so hätte mir gereicht. Der kommt aber nicht. Wird man so, wenn man immer dazu gehören will, wenn man der Nette ist, wenn man immer affirmativ ist? Hat man dann nicht einmal etwas dagegen, wenn Rechte einem auf die Schultern klopfen, solange sie nicht Bomberjacke und Springerstiefel tragen, sondern Säuseleien wie "Gänsehaut! Wahnsinn…" auf den Lippen?

Enttäuscht.

Donnerstag, 7. Januar 2010

Nackt im Netz

Seit einiger Zeit läuft im Kino ein Werbeclip der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit Unterstützung des Verbandes der privaten Krankenversicherung e.V.: Es geht um eine Initiative namens "Kenn dein Limit", die Alkoholmissbrauch insbesondere bei Jugendlichen verhindern will. Gute Sache, das. Alkohol, Volksdroge Nummer eins, wer einmal bei einem Fussballspiel/einem Dorffest/einer Pauschalreise nach Mallorca dabei war, der weiß, dass Alkohol "mehr kaputt macht als du denkst", so der zentrale Satz der Kampagne.
Die Kampagne, ach. Da ist leider weder Fußballspiel noch Dorffest zu sehen, sondern eine Situation, die wohl irgendwie einen Club darstellen soll (wobei jeder, der in den vergangenen zehn Jahren auch nur sporadisch tanzen war, weiß, dass das Gezeigte mit der Clubrealität wenig zu tun hat). Und junge Menschen, die noch voll gut drauf sind, denen Alkohol aber den Abend gehörig verderben wird. So:



Gleich am Anfang, zwischen 0:05 und 0:09, ist eine hübsche junge Frau zu sehen, mit erwartungsfrohem Gesichtsausdruck, der Abend wird sicher noch spannend. Sie zieht an ihrem Strohhalm, ein Schriftzug erscheint: "Sie feiert heute hemmungslos ..."
Bei 0:10 fokussiert die Kamera auf einen Schönling im Hintergrund, der augescheinlich die hübsche Tanzende mit seinem Handy filmt. Neuer Schriftzug: "... er stellt sie morgen nackt ins Netz." Bei 0:15 ist die Episode vorbei.
Und was lernen wir daraus? Es ist falsch, wenn man Grenzen überschreitet. Hemmungen sind eine gute Sache und gehören auf keinen Fall hinterfragt geschweige denn fallen gelassen. Und wenn du dich mit stalkenden Freaks einlässt, dann verlierst du schnell deine weibliche Ehre und landest nackt im Netz. Davon, dass Alkohol ein Problem ist, sagt der Spot bis hierhin übrigens nichts.
Besagte Szene läuft nicht nur im Kino, sie nervt auch an allen Hamburger S-Bahn-Stationen in Plakatform, wenn auch mit leicht verändertem Text: Statt "Sie feiert heute hemmungslos" heißt es hier "Sie lässt heute alle Hemmungen fallen". Daraus kann man schließen, dass wir bei 0:15 schon den zentralen Moment der Kampagne gesehen haben. Und der hat nichts mit Alkoholmissbrauch zu tun.

Die Kampagne ist widerlich. Weil sie geprägt ist von Angst vor Kontrollverlust, weil sie eine grundsätzliche Sexualitätsfeindlichkeit transportiert, weil sie Grenzen hochzieht, wo Grenzen doch eigentlich abgebaut werden sollten. Vor allem aber: Weil sie massiv kontraproduktiv wirkt. Die Kampagne spricht nicht etwa von kontrolliertem oder bewusst erlebtem Rausch, sie spricht ausschließlich davon, dass man immer bei sich zu sein hat, dass man keinesfalls Hemmungen fallen lassen darf. Sie zeigt nicht etwa schlimmes Gruppensaufen, sie zeigt jemanden im Begriff, Lust zu erleben - und dann wird ihm gesagt: Vorsicht, Lusterleben führt geradewegs in den Untergang.
Man kann gar nicht soviel saufen, wie man kotzen möchte.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Soul Kitchen

Ja, Soul Kitchen, Hm. Guder Film, Alder.



Ich mag Fatih Akin. Und ich wohne gerne in Hamburch. Wenn also Fatih Akin einen exemplarischen Hamburg-Film macht, dann muss mir das gefallen, nech? Gefällt mir ja auch.
Weil nämlich "Soul Kitchen" ganz grundsympathische Schauspieler zeigt: Adam Bousdoukos als unglaublich Netter, Anna Bederke als unglaublich Coole, Dorka Gryllus als unglaublich Erotische, Pheline Roggan als unglaublich Julie-Delpy-hafte Hübsche. Aber nicht nur das: Selbst Moritz Bleibtreus notorisches Overacting stört nicht, selbst die ständig brünstig fiepende Soulmusik lässt man durchgehen, selbst das ununterbrochene Auftreten deutscher Serienstars in minimalsten Nebenrollen ist kein Problem sondern ein netter Cameo-Spleen. Außerdem macht Akin nicht den Fehler, den Regisseure oft machen, wenn sie an Orten drehen, an denen ich mich auskenne, und ignoriert geographische Grenzen: Was bei ihm an einem Ort spielt, kann nur dort und nicht woanders spielen, und wenn Bousdoukos in einer Wohnung im Gängeviertel wichst, dann steht die Putzfrau gegenüber im Unilever-Hochhaus und nirgendwo sonst.

Also alles gut?

Fast. Weil Akin bei aller Sympathie für seine Figuren jede irgendwie interessante Geschichte aus den Augen verloren hat. Alles ist ganz grauenhaft vorhersehbar: dass die Hafenkneipe "Soul Kitchen" zum Place to be mutieren wird, dass unsere Helden ihre Kneipe irgendwann verlieren werden, dass sie sie am Ende wieder bekommen. Wie langweilig. Was noch in Ordnung ginge, wäre diese Geschichte wenigstens durch irgendwelche guten Einfälle aufgepeppt. Wobei die Einfälle sich aber auf solche Kracher beschränken wie die, dass der Protagonist auf einer Familienfeier im Edelrestaurant rumprollt, wie die, dass jemand bei einer Beerdigung beinahe ins offene Grab stürzt, wie die, dass der Koche eine Schippe Aphrodisiaka in den Nachtisch schaufelt. Bei dem, was letzterer Szene folgt, mag man übrigens gar nicht daran denken, was dieser Regisseur einst für Bilder gefunden hat, um von Sexualität zu erzählen - von zurückhaltend ("Auf der anderen Seite") bis drastisch ("Gegen die Wand"). Hier: ödes Gerammel in Unterwäsche.

Nö, "Soul Kitchen" ist kein schlechter Film. Er ist nur ... Um mit Titeln des im Soundtrack omnipräsenten Jan Delay zu sprechen: zuviel "Wir Kinder vom Bahnhof Soul", zu wenig "Bambule".

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Jahresrückblick 2009

Erinnert von Frau Gröner. Inhaltlich parallel zu 2008.

Zugenommen oder abgenommen? Abgenommen. Strike!
Haare länger oder kürzer? Mal so, mal so. Alles in allem länger.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleich geblieben.
Mehr ausgegeben oder weniger? Viel mehr. Umzug, neue Einrichtung, all das.
Der hirnrissigste Plan? Einen Braten zubereiten zu wollen.
Die gefährlichste Unternehmung? Ich fürchte, aus dem Alter für ein wildes und vor allem gefährliches Leben bin ich raus.
Die teuerste Anschaffung? Alles, was mit der neuen Wohnung zu tun hat. Als Einzelstück: das neue Bett.
Das leckerste Essen? Im Hamburger Sai Gon.
Das beeindruckendste Buch? Dietmar Dath, Sämmtliche Gedichte.
Der berührendste Film? Dieses Jahr ganz unoriginell: Alle Anderen. Weil ich mich in diesem Film fast eins zu eins wiedergefunden habe. Und leider nicht alles toll fand, was es da zu finden gab.



Das beste Lied? La Roux, "Bullettproof".



Das schönste Konzert? Ich fürchte, ich war dieses Jahr auf sehr, sehr wenigen Konzerten. Recht gut war Soap&Skin auf Kampnagel, Hamburg.



Die meiste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: meinen geschätzten Bürokolleginnen.
Die schönste Zeit verbracht mit…? Wie schon im Vorjahr: der Schönen.
Vorherrschendes Gefühl 2009? Wird das noch irgendwann besser?
2009 zum ersten Mal getan? Ein Elternteil beerdigt.
2009 nach langer Zeit wieder getan? Eine Vollnarkose überlebt.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? Mehr als drei ernste Krankheiten in der nächsten Umgebung.
Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? 2009 war nicht das Jahr, in dem ich allzuviel Überzeugungsarbeit leisten wollte. Das Jahr wollte ich einfach nur rumkriegen. Im beruflichen Bereich habe ich mich in ein paar Sachen reingehängt.
2009 war mit einem Wort…?
Schlimm.

Dienstag, 29. Dezember 2009

Weihnachtsgeschichte, sechstens: Heiligabend

Zu Teil 1 geht es hier.

Die Bewertungen fürs Restaurant im Web sind beunruhigend. Das Essen behaupte Sternequalität, die nie eingelöst werde, die bestenfalls durchschnittliche Weinkarte sei überteuert, die Kellner arrogant. Schließlich das: Im Games Room prange ein Hakenkreuz an der Wand, und auch auf Ansprache bemühe sich niemand vom Personal, dieses zu entfernen.
Die Wirtin gefragt: "Ist denn der Brückenwirt empfehlenswert? Die Wirtin druckst, sie wolle uns ja nichts verderben, hmm, beim Brückenwirt wechsle das Personal sehr häufig vielleicht haben sie ja mittlerweile einen guten Koch, nur soviel: Es hätte bessere Alternativen gegeben. Wir sind entsetzt.
Und dann ist der Brückenwirt teuer, klar, es ist Heiligabend. Und sonst: nichts. Wohlschmeckend, freundlich, man hat den Eindruck, hier als Gast gerne gesehen zu sein. Nein, für diesen Blogbeitrag ist kein Bestechungsgeld geflossen.
Ich spähe in den Games Room. Kein Hakenkreuz zu entdecken, dafür spielende Kinder.
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Die Wirtin hätte ja die Brauereigaststätte empfohlen, unterm Dach des Brauturmes, mit Blick über die gesamte Stadt. Mit Blick über St. J. in T., die Metropole des Wilden Kaisers. Wir blicken und lästern. Und essen, die Mutter und die Schwester sind enttäuscht, bei mir geht so. Außerdem wird auch hier geraucht. Und alle so: geht so.

Fin.

Weihnachtsgeschichte, fünftens: Berg

Zu Teil 1 geht es hier.

berg

Der Berg ist knapp 2000 Meter hoch. Man kennt ihn von der Westseite, hier liegt Kitzbühel, Sehnsuchtsort der Münchner SUV-Fahrer, nach dem er auch benannt ist, und wo die bekanntesten Skipisten liegen. Allerdings, auch von St. J. führen Seilbahnen bis ungefähr 300 Meter unter dem Gipfel, nicht besonders überlaufen, ab dem frühen Mittag im Schatten liegend, aber immerhin.
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Mit der Seilbahn kann man: für viel Geld nach oben fahren. Dort feststellen, dass es Schnee gibt, der mehr ist als nass und matschig, der mehr ist als grau, der nämlich strahlend weiß ist und locker, der kalt ist, wenn er über den Stiefelschaft rieselt, der aber nicht klebt und der im Stiefel einfach friedlich verschwindet. Dann kann man Sprünge machen, bergab, die Skipiste hinunterrutschen und über die Piste weg in den Wald, man kann Schnee treten und einatmen, und dann spürt man die kalte, klare Luft in den Lungen.
Und das ist dann: schön.

To be continued.

Weihnachtsgeschichte, viertens: Konzert

Zu Teil 1 geht es hier.

Von außen: ein typisches Großelterncafé, bisschen plüschig, bisschen in die Jahre gekommen, wahrscheinlich mit gutem Kuchen. Innen: ein vollgequalmtes Vorzimmer, wir sitzen im Raucherraum. Überhaupt, Raucherraum: Durch eineinhalb Jahre Nichtraucherschutzgesetz habe ich mich zu einem Asketen entwickelt, den es massiv stört, dass in diesem Land in jeder Gaststube gequarzt werden darf, egal ob jemand isst oder nicht. Wir ziehen weiter ins Café, ein weiterer Raucherraum, dann noch ein Zimmer, nein, kein Zimmer: ein Saal. Mit Tanzfläche. Und Lichtorgel. Der Kaffee schmeckt nicht, die Menschen sind laut, außerdem habe ich den Eindruck, dass es auch hier, in der Nichtraucherzone, stinkt.
Und dann tritt die Band auf. Tanztee, nein: Weihnachtsmelodien.

konzert

Die Band, das ist: ein älterer Herr mit längeren, schütteren, vor allem aber gefärbten Haaren im roten Hemd. Und eine unglaublich dünne, unglaublich langbeinige Schönheit. Die spielen jetzt hier auf, oder was? Das Café füllt sich, anscheinend kommen Gäste extra wegen dieses Auftritts, das Rothemd baut eine Batterie aus Keyboard, Sampler und Heimorgel auf, die Schönheit steht missmutig da. Irgendjemand hat ihr wohl gesagt, sie solle sich schon mal fertig machen und auf die Bühne, dabei ist als Beginn 15.30 angesetzt, und wir haben noch nicht einmal drei. Rothemd lacht, Schönheit muffelt.
Dann spielen sie. Eine Elvis-Schnulze, Jingle Bells, Little Drummer Boy. Rothemd schmalzt, lässt die Hawaiigitarre sülzen, haut billigste Drumbeats raus, Schönheit jubiliert in höchsten Tönen. I’m dreaming of a white christmas. Es ist grauenhaft. Findet das Publikum so etwas schön? Das Publikum reagiert nicht, eine träge Masse, einzig ein paar Kinder entern die Tanzfläche und hüpfen, begeistert davon, dass hier etwas passiert, wenigstens etwas. Schönheit jubiliert, lächelt kalt, zack, die Mundwinkel wieder nach unten. Schönheit kann auf jeden Fall singen, ich nehme an, ein Après-Ski-Nachmittag im Dorfcafé gibt auch ganz schön Kohle, ein Nachmittag mit Weihnachtsmelodien wahrscheinlich gleich noch einen Batzen mehr, aber trotzdem: Ob sie sich ihre Zukunft so vorgestellt hat, mit ihrer unüberhörbar talentierten und ausgebildeten Stimme, mit ihren endlosen Beinen? Ich überlege, in welcher Beziehung sie zum mindestens doppelt so alten Rothemd steht, der von Anfang an klar stellt, dass er der musikalische Kopf hinter dem Duo ist und sie nur das schmückende Beiwerk mit, zugegeben, guter Stimme. Und jetzt ein bisschen was Weihnachtliches. Es ist die Hölle.

To be continued.

Weihnachtsgeschichte, drittens: Quartier

Zu Teil 1 geht es hier.

Das Quartier ist ein Neubau, ein wenig versetzt hinter der Hauptstraße, eigentlich ein holzverarbeitender Betrieb, der auch noch ein paar Zimmer vermietet. Wir haben Weihnachten, der gesamte Ort ist ausgebucht, nur hier gibt es noch freie Zimmer. Und, wie schön!, sogar Einzelzimmer, und das nicht einmal zu Mondpreisen. Warum aber: Einzelzimmer?
Deswegen: Gerne beherbergen wir auch Wanderer vom Jakobsweg, verspricht unsere Wirtin per Mail. Zweisamkeit schätzt man auf dem Jakobsweg nicht, daher die Einzelzimmer. Übriger Komfort scheint dort aber ebenso als überflüssiger Tand zu gelten, die Zimmer sind enge Kammern mit unbequemen, zu kleinen Betten, zu wenig Steckdosen, einem Kleiderschrank, der nicht schließt und hässlichem Laminatboden. Immerhin, es gibt kleine Bäder, sogar mit warmem Wasser. An ein offenes W-Lan ist, natürlich, nicht zu denken.

quartier

Man mag das aber auch anders sehen. So: Das Hotel ist kein Hotel, es ist, höchstens, eine Pension. Eigentlich ein Wohnhaus, das ein wenig zu groß geraten ist. So scheint man das hier zu machen: Das Haus zwei, drei Zimmer größer bauen als es die Familie nötig hätte, und wenn dann klar ist, dass die Familie nicht mehr größer wird, diese zwei, drei Zimmer tageweise an Touristen vermieten. Die sind dann die Familie.
Das ist das Alleinstellungsmerkmal des Quartiers: Man hat Familienanschluss. Die Wirtin ist immer um einen, redet und redet und ist hemmungslos nett. Mal auch verpeilt, mal lustig, mal selbstironisch, Spitzen verschießt sie, die nennt sie dann Schmäh. Man kann nicht anders als ihr zu verfallen.

To be continued.

Weihnachtsgeschichte, zweitens: Dorf

Zu Teil 1 geht es hier.

Das Dorf ist kein Dorf, es ist eine Kleinstadt. St. J. hat, immerhin, knapp 9000 Einwohner und ist damit die größte Stadt des Bezirks, mit (hauptsächlich holzverarbeitender) Industrie, Bahnanschluss, Krankenhaus und einem alle übrigen Gebäude überragenden Brauereiturm. Und natürlich einer die lokale Ökonomie prägenden Tourismusbranche, es gibt Hotels, Gaststätten, ein (mäßig großes) Skigebiet. Kein einsames Bergbauerndorf.

dorf

St. J. ist eine Stadt, die sich breit ins Tal fläzt, ein Tal, das Raum lässt für Felder und monströse Verkehrsanlagen, sogar für einen kleinen Flugplatz haben sie Fläche frei gelassen. Ich hatte mir die Landschaft anders vorgestellt, Bergtäler haben nach meinem Verständnis eng zu sein, düster und felsig. Hier aber könnte man kilometerweit eben laufen, bis man auf den ersten Berg stößt. Und dann eben: Berge. Wälder, Matten, gekrönt von einem Felsmassiv, das sich nicht anders benennen lässt als atemberaubend. Später erfahre ich: Wir haben es hier mit einem Postkartenmotiv zu tun.

To be continued.

Weihnachtsgeschichte, erstens: Idee

Weihnachten 2008 ist arg. Weihnachten 2008 ist der Krebs beim Vater schon so weit fortgeschritten, dass Normalität nicht mehr möglich ist.
Heiligabend will er Gans, obwohl es bei uns nie Gans zu Weihnachten gibt, egal, soll er bekommen, er behält nichts bei sich, es ist arg.

fahrt Einen Monat später stirbt der Vater.

Es gibt keine Normalität mehr, es soll nie wieder Normalität geben. Die Beerdigung wird durchgezogen, schlimm, wie im Rausch, ein Jahr später ist die Erinnerung immer noch da. Das darf so nicht sein, wir können Weihnachten nicht weiter machen wie zuvor, also beschließen die Schwester und ich, mit der Mutter fortzufahren. Raus aus der Erinnerung, raus aus der Familie. Ob St. J. in T. die beste Entscheidung ist? Viel Wahl haben wir nicht, die Schwester hat ohnehin nur die Feiertage über frei, an Weihnachten ist die nähere Umgebung weiträumig ausgebucht, es geht also nicht weiter weg, und Österreich liegt ja in Tagesreisenentfernung.

fest

Am Vortag fliege ich zur Mutter, um an Heiligabend die Schwester mit dem Auto in München einzusammeln. Mit dem Auto: Ist die Autobahn eigentlich glatt? Sieht man im Nebel eigentlich die Hand vor Augen? Plusgrade: Es taut, gleichzeitig ist der Boden gefroren, ein Himmelfahrtskommando. Pünktlich in München reißt der Himmel auf, kein Nebel mehr, ein Kinderspiel.

To be continued.

Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 17:37

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