Freitag, 19. März 2010

Hamburg

DSC01573

Erstmal nicht mehr dieses Geräusch: Steine, die von der Brandung ans Ufer gespült werden. Und die dann mit den abziehenden Wellen wieder ins Meer kullern, Klckrdschwmmm.
Nicht mehr die Vermieterin, die ungefragt, ¡Hola!, plátanos, Bananen vorbei bringt, frisch vom Baum.
Nicht mehr Fisch essen.
Nicht mehr Sex am Nachmittag.
Nicht mehr 1000 Höhenmeter überwinden, wenn man nur in den nächsten Ort will. Nicht mehr eineinhalb Stunden fahren, wenn man in das nächste einer Stadt ähnliche Gebilde will, einen halben Tag, wenn man zum Flughafen will.
Nicht mehr den Körper gemeinsam mit den Steinen durch die Brandung werfen lassen, Klckrdschwmmm.
Nicht mehr soviel lesen.
Nicht mehr auf Theater verzichten, auf Kino, auf Vernissagen und auf Popmusik, also, nicht nur die mp3s aus der Konserve und den grausigen Latinpop in den Tascas, erstmal nicht mehr.

Demnächst schreibe ich hier auch wieder was interessantes.

Samstag, 6. März 2010

Statusmeldung

Two weeks off.

Mittwoch, 3. März 2010

Trampolin und Pogostick

Joh! Hamburg!
Seid ihr gut drauf?
Wollt ihr mehr?




Und dann stürmen die Rapper die Bühne. Und dann machen sie das Publikum an. Und dann haben sie die Hände, und dann fragen sie das Publikum, wo das denn seine Hände habe, und dann hebt das Publikum die Hände. Und dann rappen Deichkind, "Aufstand im Schlaraffenland", einen ihrer großen Hits, den das Publikum auswendig kennt.

Und dann ist es still.

Richtig still. Keine Beats, keine Fanfaren, keine Raps. Der "Aufstand im Schlaraffenland" ist HipHop-Pantomime, es wird gebreakt, es wird gepogot, Trampoline kommen zum Einsatz und Pogosticks, aber der Sound ist weg.

Wollt ihr mehr?

"Deichkind in Müll", eine "Diskurs-Operette" der Hamburger HipHop-Elektro-Punk-Anarchos Deichkind auf Kampnagel, ist genau das, was der Untertitel verspricht: ein Diskurs (Form wie Inhalt werden im Moment des Entstehens hinterfragt und dekonstruiert) und eine Operette (es gibt Songs, ach was!, Hits. Heute gehen wir ins Maxim). Es geht um den sozialen Mikrokosmos Popgruppe, es geht um die Funktion von Popmusik im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, und es geht um die Hinterfragung des kulturellen Sonderfalls "Popkonzert". In dem Moment setzen die Beats aus, und die Pantomime übernimmt.

"Deichkind in Müll" baut auf ein nicht unproblematisches Konzept: Man muss ziemlich vertraut sein mit den Liveauftritten dieser Band, sonst versteht man die Anspielungen nicht, man weiß dann überhaupt nicht, welche Aktion bei "Deichkind in Müll" auf welche Aktion bei "Deichkind live" verweist. Gleichzeitig muss man hinter sich selbst zurücktreten können, muss verstehen, weswegen man als Publikum im einen Moment agitiert wird und weswegen diese Agitation im nächsten Moment als problematisch gebrandmarkt wird. Im Zweifel muss man sogar die Erkenntnis aushalten: Die da droben, auf der Bühne, die mögen mich gar nicht. Die finden mich richtig scheiße.
Natürlich finden sie uns gar nicht scheiße. Sie sind sich nur nicht sicher, ob unser Verhältnis wirklich das ist, was sie wollen, aber ganz verschrecken möchten sie uns auch nicht, also hauen sie noch ein paar Kracher raus: Arbeit nervt, Hört ihr die Signale?, Remmidemmi.



Versöhnt? Manche. Vor der Halle hört man, dass Deichkind Konzerte geben sollten, das könnten sie einfach am besten, Moira Lenz bemängelt in der taz die Selbstreferenzialität der Diskurs-Operette, Khuê bezeichnet sie im Elblog als langweilig. Ich bin: unterhalten. Bestätigt in meiner Skepsis wie in meiner Hassliebe zum Prinzip Popmusik. Ein wenig ratlos.

Auf jeden Fall war "Deichkind in Müll": die eigenartigste Sache, die ich seit langem auf einer Theaterbühne gesehen habe. Wertfrei.

Nachtrag: Ich verweise auf ein kurzes Interview, das ich mit Deichkind Henning Besser aka DJ Phono fürs aktuelle uMag geführt habe: "Gummitwist am Abgrund".

Samstag, 27. Februar 2010

Hölle, Hölle, Hölle

Seit Nikolaus Bachler Intendant ist, geht die Bayerische Staatsoper München unter die Zeitschriftenmacher: Regelmäßig erscheint "Max Joseph", eine aufwändig gestaltete Kulturzeitschrift, die vor eineinhalb Jahren das eher konventionell gemachte Magazin "Takt" ersetzte. Für Vierfuffzich im gut sortierten Zeitschriftenhandel oder in der Staatsoper.

"Max Joseph" ist, soweit vorab, sehr, sehr gut. Eine sechsköpfige Redaktion macht monothematisches Feuilleton, vergleichbar vielleicht Oliver Gehrs' ebenfalls fast uneingeschränkt empfehlenswertem Magazin "Dummy". Um die Geschehnisse an der Oper geht es auch, am Rande, und bei der Auswahl des Überthemas. Das sieht dann so aus: Kommenden Monat feiert an der Staatsoper "Die Tragödie des Teufels" von Peter Eötvös Uraufführung, deswegen lautet das aktuelle Oberthema "Pfui Teufel!". Inhaltlich dürfen dann Münchner Promis (DJ Hell, Schlachthofbronx, Chris Decron) oder auch einfach zielgruppennahe Alltagsmenschen erzählen, wen oder was sie zum Teufel wünschen. "Die Tragödie des Teufels"-Librettist Albert Ostermeier und Torwartnervensäge Oliver Khan diskutieren über Hormondruck. Starfilmkritiker Georg Seeßlen schreibt über die Faszination des Satanischen im Kino. Und und und. Dazu: ein klares, verschwenderisches Layout und Fotos von Künstlern wie Erwin Olaf, Philipp Lachenmann oder Vee Speers.

"Max Joseph ist toll, einerseits, weil hier das schönste Kulturmagazin womöglich seit langem auf den Markt drängt, zielgenau und gleichzeitig abschweifend, barock und gleichzeitig klar, lustig und gleichzeitig tiefernst. Der gelungene Versuch, Hirnfutter zur lustvollen Angelegenheit zu machen.
Andererseits ist es aber auch ein kluger Schachzug der Staatsoper, ihre Zielgruppe zu erweitern, ohne die alten Besucher zu vergrätzen. Die typischen Leser, die mit Bild in der vorliegenden Ausgabe gezeigt werden, eine Goldschmiedin, ein Physikprofessor, eine Kunsthändlerin, sind vielleicht nicht die erste Garde der Opernbesucher. Aber diese erste Garde hätte auch nichts gegen eine Goldschmiedin, einen Physikprofessor oder eine Kunsthändlerin als Schwiegertöchter beziehungsweise -söhne (dieser Gedanke ist in München gar nicht so unwichtig). Zielgruppe als Netzwerk, nicht schlecht gedacht. Bekommt außer den Münchnern kein großes Opernhaus so klug hin, soweit ich weiß.

Und schließlich der Wermutstropfen. "Max Joseph" ist kein Werbeblättchen für die Staatsoper, wenn Opernthemen vorkommen, dann mittelbar. Oder weil eine Kulturzeitschrift mit Opernhintergrund ohnehin gut daran tut, einen Beitrag zu Peter Eötvös zu veröffentlichen. "Max Joseph" ist eine richtige Zeitschrift, die jeden Cent am Kiosk wert ist. Aber: Ist das das richtige Verständnis von Journalismus, wenn die Kulturschaffenden eigene Kulturzeitschriften auf den Markt werfen? Die Rolle des Journalisten als Kontrollinstanz derjenigen, über die er schreibt, ist im Kulturjournalismus ohnehin aufgeweicht, schon klar - aber muss das so offensichtlich passieren?
Und am Ende: Wie auf den Hund gekommen ist der Kulturjournalismus eigentlich gerade, wenn wir uns ausgerechnet von einem Opernhaus sagen lassen müssen, wie man es richtig macht?

Sonntag, 21. Februar 2010

Pop will it eat itself

Wenn die ganze Stadt von einer Ausstellung redet, dann will man gerne mitreden. Gut, dass ganz Hamburg über "Pop Life" in der Galerie der Gegenwart redet, hängt meiner Meinung nach damit zusammen, dass sich mittlerweile rumgesprochen hat: Es gibt ein paar Pornoräume in der Ausstellung (in denen man dann aber hauptsächlich die schon x-mal gesehene "Made in Heaven"-Serie von Jeff Koons vorgeführt bekommt, gähn). Trotzdem, "Pop Life", Pop Art von Warhol über Kippenberger und Koons bis zu Tracey Emin. Schön.

Oder auch: weniger schön. Die von der Tate Modern übernommene Ausstellung findet rein gar keine Haltung zu ihrem Gegenstand, Pop ist für sie reine Systembejahung, darüber hinaus gefällt sie sich darin, Kunstwerke so zu präsentieren, wie ein verhältnismäßig kunstfernes Publikum sie präsentiert haben möchte. Pop bedeutet für solch ein Konzept vor allem, ideologisch nach allen Seiten offen zu sein - dass das in der Praxis allerdings heißt, in erster Linie offen nach rechts zu sein, blendet die Ausstellung aus. Dabei würde schon ein kurzer Überblick über die politische Verortung helfen. Schnell stößt man da auf: die Nähe Warhols zu Ronald Reagan, die Begeisterung des Young-British-Art-Impressarios Charles Saatchi für Margaret Thatcher. Besonders perfide, dass gerade Jeff Koons eine gemeinsame Geschichte mit Hamburg hat: 2003 sollte der Künstler eine Rauminstallation auf dem Hamburger Spielbudenplatz realisieren, ein Plan, der nach heftigen Protesten fallen gelassen wurde. Die Ausstellung stellt diese Entwicklung als Sieg pfeffersäckischen Provinzialismus hin und lässt dabei unter den Tisch fallen, dass Hamburg 2003 von einer rechten CDU-Schill-Koalition regiert wurde und dass es unter Künstlern wie Kulturschaffenden einen Konsens gab, Leuten wie der Kultursenatorin Dana Horáková oder dem Bausenator Mario Mettbach nach Möglicheit nicht die Hand zu geben. Ein Konsens, der von Koons ohne Not aufgekündigt wurde, Pop Art blieb für ihn reine Kunst auf Seite der Mächtigen. Was "Pop Life" verschweigt.

Man hätte das auch anders machen können. Man hätte den überraschend klug nachgebauten "Pop Shop" von Keith Haring auch anders einführen können als ausgerechnet durch die Erklärung, dass Haring hier begeistert die kapitalistischen Vermarktungsprinzipien adaptiert hätte. Man hätte auch erklären können, dass Haring im "Pop Shop" ähnlich vorgeht wie ein Musiker, der sich entschließt, seine Musik selbst zu vertreiben, ohne Rückhalt durch die Musikindustrie - der macht das schließlich auch nicht, weil er die Industrie so toll findet, der macht das, weil er (berechtigte) Zweifel daran hat, dass die Industrie für ihn ausschließlich das Beste will. Man hätte auch das Video von Andrea Frasers Arbeit "Untitled" (in dem die Künstlerin mit einem, höhö, potenten Sammler schläft) so kommentieren können, dass die sexualpolitische Sprengkraft dieses Werks deutlich wird - und es nicht nur als Bebilderung der Klein-Fritzchen-These "Die Kunst macht fürs Kapital die Beine breit" einsetzen.

"Pop Life" kommt irgendwie zu spät, auch wenn ein paar verhältnismäßig aktuelle Künstler hier zu sehen sind. Aber: Warhol, Koons, auch Takashi Murakami mögen zwar immer noch extrem erfolgreiche Künstler sein, mit dem, was Pop Art derzeit bedeutet, haben sie in ihrer Betonung aufs Schrille, Laute, Bunte rein gar nichts zu tun. Ganz kurz, in einem eher unmotiviert aufgebauten Martin-Kippenberger-Raum, beschleicht einen das Gefühl, dass Pop eigentlich viel mehr sein kann als diese unerträgliche Aneinanderreihung von Erfolgsgeschichten. Dass in Leipzig, Dresden und Berlin gerade eine ganz eigene Pop-Generation arbeitet, die sich in den Kitsch-Nymphchen Martin Eders ausdrückt, im aggressiven Hardcore-Realismus Norbert Biskys, in der stillen Ernsthaftigkeit Tim Eitels.

Nicht dass ich das uneingeschränkt gut gefunden hätte. Aber interessant, doch, interessant hätte ich es schon gefunden.

Samstag, 13. Februar 2010

Opa erzählt vom Krieg



Ich war noch nie im Berghain. Helene Hegemann war angeblich schon mal da, behauptet sie, obwohl das Berghain ja angeblich der Laden mit der härtesten Tür der Stadt, ach was, des Landes sein soll. Unter 18 käme da niemand rein, was deswegen bemerkenswert ist, weil Hegemann erst 17 ist, wobei mir andererseits egal ist, ob es jemand schafft, die härteste Tür von wo auch immer auszutricksen, im Gegenteil: Ich freu mich dann doch für denjenigen.
Die andere Frage ist die, ob ich eine harte Tür überhaupt gut finden soll. Der legendäre Ruf des Berghain beruht ja zu einem Gutteil auf dieser berüchtigten Tür, angeblich würden jedes Wochenende ganze Partytouristengruppen von weither abgewiesen, die dann am nächsten Samstag wieder in der Schlange stünden, still hoffend, diesmal vielleicht eingelassen zu werden. (Davon abgesehen, dass ich es keinem Clubbetreiber verübeln kann, wenn er keine Touries im Laden haben will: Ist das glaubhaft? Dass die Styler aus London und Paris und Barcelona jedes Wochenende anreisen, nur auf Grund einer unbestimmten Hoffnung?)

Eine harte Tür, das bedeutet Elitenformung: Wir haben die, die rein kommen, und wir haben die, die draußen bleiben müssen. Aber: Als ich in Berlin lebte, damals, vor gut zehn Jahren, gab es solch eine Türsteherkultur noch nicht. Ich kam problemlos in jeden Laden, in den ich wollte, ins Maria, ins Eschschloraque rümschrümp, in die Galerie berlintokyo. Und das waren nicht die schlechtesten Läden, vor allem: Ein Publikum, das man nicht haben wollte, kam einfach nicht. Die fühlten sich in meinen Läden schlicht nicht wohl. Wenn man so wollte, hat sich die Elite ganz von alleine rausgebildet, ganz ohne Türsteher.
Und plötzlich hatte der erste Laden eben doch seinen Türsteher: der Kurvenstar am Hackeschen Markt. Mich störte das nicht, das Kurvenstar-Publikum war eine Mischung aus Dorfprolls und Schickis, mit denen wollte ich sowieso nichts zu tun haben, aber im Stadtmagazin Zitty gab es plötzlich aufgeregte Debatten: ob womöglich der Kurvenstar die Qualität des Berliner Nachtlebens ohne Not aufgeben würde, ob Berlin nicht gerade deswegen so cool sei, weil es hier anders zuginge als in Hamburg oder München?

Diese Erinnerungen haben etwas von "Opa erzählt vom Kieg", schon klar. Vielleicht lässt sich der Charme des Jahrtausendwende-Berlins schlicht nicht konservieren, in einer Zeit, in der der Easyjetset in die Stadt eingefallen ist, vielleicht muss man mittlerweile wirklich darauf achten, dass nicht Hinz und Kunz aus London, Paris und Barcelona die Clubs zuballern. Und außerdem lebe ich längst in Hamburg und habe mich absolut damit arrangiert, dass es hier überall Türsteher gibt. Vielleicht lassen sich Türsteher ja wirklich nicht vermeiden.

Aber dass die größte Qualität eines wahrscheinlich ganz coolen Clubs sein soll, die härteste Tür der Stadt zu habe, das finde ich trotzdem: traurig.

Dienstag, 9. Februar 2010

Lokalrunde

"Die Zukuft der Zeitung liegt im Lokalen." Das sagt Joachim Braun, Redaktionsleiter beim Tölzer Kurier. Gut, er sagt das im Journalist, in einem Artikel zur Frage, wie ein guter Chefredakteur beschaffen sein soll, und so kann man die vollständige Aussage "Da die Zukunft der Zeitung im Lokalen liegt, muss ein guter Chefredakteur dort verankert sein" auch als Bewerbungsschreiben lesen. Nur ist sie mehr als das. Sie ist ein Mantra, das von Verlagsleitern ständig wiederholt wird: "Die Zukunft der Zeitung liegt im Lokalen." Als die Verlagsgruppe Ippen 2002 die Hessisch-Niedersächsisch Allgemeine kaufte, wurden keine Stellen abgebaut, sondern Stellen umgeschichtet: vom überregionalen Teil ins Lokale. Scheint was dran zu sein: "Die Zukunft der Zeitung liegt im Lokalen."

Aber ist das wirklich so? Fakt ist, dass ein gut gemachter lokaler Politikjournalismus essentiell für die politische Willensbildung in einem Gemeinwesen ist: Wer schaut denn den Lokalpolitikern auf die Finger, wenn nicht die Journalisten? Der Spiegel schreibt nur selten eine Reportage, wenn sich ein Bürgermeister beim Ausschreiben des Neubaugebiets selbst ein Filetgrundstück unter den Nagel reist, zumal man beim Spiegel gar nicht den Überblick haben kann, was in Wehrheim, Barth und Hopfen am See gerade so Sache ist. Fakt ist weiter, dass ein gut gemachter lokaler Kulturjournalismus wichtig für die Kulturszene abseits der Metropolen ist: Die FAZ kommt nur selten ins Theater nach Marburg, Schleswig und Passau, zumal man bei der FAZ gar nicht den Überblick haben kann, welche Aufführung die Anreise überhaupt lohnen würde. Das müssen Lokaljournalisten machen.

Nur: Sie machen es nicht.

Lokaljournalismus ist heute in der Regel Wohlfühljournalismus, der den Bewohnern des jeweiligen Verbreitungsgebiets ein ums andere Mal erzählt, in der schönsten Stadt der Welt zu wohnen. Was zumindest mit meinen Erfahrungen rein gar nichts zu tun hat. Ich sage bestenfalls: Hier ist es schön, woanders aber auch (weswegen ich wahrscheinlich über kurz oder lang auch wieder woanders wohnen dürfte). Häufiger aber sage ich: Hier läuft ziemlich viel schief (weswegen ich mich ziemlich schnell nach einem neuen Wohnort umsehen sollte). Über dieses Schieflaufen erfahre ich im Lokaljournalismus aber so gut wie gar nichts.
Ein paar Beispiele, wahllos aus der aktuellen Ostsee-Zeitung aus Rostock (Auflage: 150200): Da geht es um eine junge Frau aus Ohio, die gerade in Wismar studiert und das, klar, nicht bereut. Durch den Rostocker Warnow-Tunnel fuhr der zweiundwanzigmillionste Fahrer und konnte sich, herzlichen Glückwunsch, über einen Geschenkkorb freuen. Das Dahlienfest in Bad Sülze feiert mit ganz originellen Werbeaktionen, natürlich, Erfolge. Alles so schön harmlos hier. Von den enormen sozialen Problem Mecklenburg-Vorpommerns: nichts. Rechtsradikalismus, Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Wirtschaftskrise: Schweigen.

Ich kenne niemanden, der seine Lokalzeitung wirklich mag. Die Schöne sagt, sie muss das Hamburger Abendblatt (wird hier nicht mehr verlinkt, seit sie ihren Onlineauftritt kostenpflichtig gemacht haben) lesen, wegen ihres Berufs braucht sie Informationen, was in der Stadt vor sich geht. Akzeptiert - aber hier liest nicht etwa jemand die Lokalzeitung wegen ihrer Qualität, sondern nur mangels Alternative.
Nicht besser sieht es in den Städten aus, in denen ich zuvor gewohnt habe: Der Gießener Anzeiger galt in meiner Umgebung immer als Schundblatt. Die Ulmer Südwest Presse wurde als "Wildwest Presse" verballhornt. Der Berliner Tagesspiegel sahen alle als Haus- und Hofblatt des Westberliner Baumafia- und CDU-Filzes. Und, doch, eine Frau kenne ich, S., die mag ihre Lokalzeitung. Wobei S. in Frankfurt lebt und besagte Zeitung die Frankfurter Rundschau ist, die bei Licht betrachtet zwar ein Rhein-Main-Lokalblatt ist, vom Anspruch her sich selbst aber überregional einordnet. Und sich deswegen auch durchaus mal zu schreiben traut, dass die Rhein-Main-Region wohlstandsfette Provinz par excellence ist. Na gut, vielleicht in etwas anderen Worten.
Wir leben in einer Welt, die hektisch ist, globalisisert, multikulturell. Und ich fürchte, auf diese Welt haben Lokalzeitungen keine Antwort, nein, sie stellen nicht einmal die gleichen Fragen wie wir. Und ich verstehe absolut nicht, weswegen Joachim Braun glaubt, dass dieses Medium irgendeine Zukunft haben könnte.

Aber ich wünsche mir so sehr, dass es irgendwann einmal jemanden gibt, der so ähnliche Fragen stellt. Und der macht dann eine Lokalzeitung auf, schön wäre: in Hamburg. Mich hätte er als Abonnenten.

Mittwoch, 3. Februar 2010

Eine Erinnerung

Zum ersten Mal fiel mir H. auf, wie er 1993 am Gießener Bahnhof im Reisezentrum stand und einen Riesenterz machte. Irgendetwas lief nicht so, wie es laufen sollte, also brüllte H. rum, im breiten Schweizerdeutsch, beschimpfte die Bahn, die Mitarbeiterin hinter dem Tresen, Deutschland als Ganzes und Gießen im Besonderen. Unmöglich verhielt er sich, eigentlich. Und ich war fasziniert.
Seit Sommer war H. Tanzdramaturg am örtlichen Stadttheater. Eigentlich eine gute Sache: Die oft stiefmütterlich behandelte Tanzsparte wurde aufgewertet, indem man ihr einen eigenen Dramaturgen zugestand, das war Anfang der Neunziger noch alles andere als selbstverständlich, zumal an einem kleinen Theater. Auf der anderen Seite war es eben auch halbherzig, es gab zwar diese Dramaturgenstelle, aber auch nicht mehr, die Ausstattung war ein Witz. Man wollte einen Querkopf wie H. ans Theater binden, aber welche Form diese Bindung haben sollte, blieb unklar. Also schuf man eine Stelle, wie man sie bislang noch nicht hatte, H. war erstmal versorgt. Diese Stelle aber ins Theatergefüge einzubauen, schien niemand für notwendig zu halten.

Drei Jahre später hatte ich zum ersten Mal direkt mit H. zu tun. Mittlerweile gab es die Position des Tanzdramaturgen nicht mehr, H. war künstlerischer Leiter einer Nebenspielstätte. Also: Chef. Allerdings mit beschränkten Befugnissen, seine Spielstätte war zur Hälfte an eine Kneipe verpachtet, die den Theaterbetrieb gerne auf Null runter gefahren hätte, außerdem liefen dort ganz reguläre Schauspiel- und Kammeropernproduktionen, die das Haupthaus nicht gefüllt hätten. Für eine eigene Handschrift als künstlerischer Leiter blieb da wenig Raum, eigentlich war H.s Hauptaufgabe, ein kleines Tanzfestival zum Spielzeitende zu organisieren. Und bei dieser Organisation war ich H.s Praktikant.
H.s Büro lag in einem versteckten Winkel des Stadttheaters, unterm Dach, hinter der Dramaturgie. Auffallend war: H. hatte zwar ein Telefon, allerdings konnte man ihn nur anrufen. Wollte er telefonieren, musste er das an der Pforte anmelden, die dann die Verbindung für ihn herstellte. Nahm ich damals für selbstverständlich, war aber: eine ganz klare Demütigung. Andererseits gab es womöglich doch Gründe für diese Praxis, H. telefonierte schon gerne mit der Schweiz. Sehr gerne. Keine Ahnung, wie hoch seine Telefonrechnung tatsächlich war.
Das Praktikum bestand aus: Künstlerbetreuung, Programmheft schreiben, Abendspielleitung. Dramaturgenalltag. H. war fast nie da, das war auf der einen Seite nervtötend, weil ich eigentlich nicht betreuet wurde, auf der anderen Seite waren die eingeladenen Künstler fast ausschließlich Kumpels von H., die wussten schon, was zu tun war. Vom Bahnhof abholen, ins Hotel bringen, sagen, wo das Theater ist, das war eigentlich schon die ganze Künstlerbetreuung. Und nach der Vorstellung trinken.

Eine Spielzeit später kündigte H., oder ihm wurde gekündigt, oder ihm wurde die Kündigung nahe gelegt, ganz geklärt wurden die Umstände nie. Allerdings hatte er den neuen Intendanten lauthals als Faschisten beschimpft, ich kann schon verstehen, dass der nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Ob H. gut in seinem Job war? Die Umstände auf jeden Fall waren es nicht. Ich genoss das Praktikum bei H., ich fühlte mich ihm irgendwie nahe, aber wenn ich heute Praktikanten betreue, bemühe ich mich, mit ihnen anders umzugehen als H. mit mir. Wahrscheinlich bin ich ein Spießer.

Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 17:37

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