Freitag, 21. Mai 2010

Sprechen

Interviews sind eine eigenartige journalistische Form. Man sitzt mit jemandem beim Kaffee, der antwortet auf Fragen, und hinterher schreibt man einen Text, in dem der Gesprächspartner anderes sagt als das, was er erzählt hat.

Oh je, gleich brüllen sie wieder, "Journalisten verfälschen Interviews, ich hab's ja schon immer gewusst!"
Nein, natürlich verfälschen wir keine Interviews. Wir lassen nur niemanden wie einen Trottel dastehen, wenn er in Wahrheit kein Trottel ist. Wer schon einmal das wörtliche Transkript eines Gesprächs gelesen hat, der wird mir zustimmen: Das ist nicht lesbar. Das gibt auch nicht die Eigenarten des Gesprächspartners wieder, mit allen Verkürzungen, allen Äh, Öhs, allen nicht zuende geführten Sätzen und allen Wortwiederholungen. Ein Gespräch ist mehr als das gesprochene Wort, und ein gedrucktes Interview muss dieses "Mehr" nachzeichnen, obwohl nur gesprochene Worte gedruckt werden. Deswegen bearbeiten wir Interviews.

Aber: Warum dann nicht von vornherein einen eigenen Text, warum diese Illusion eines Gesprächs, das so doch nie geführt wurde?
Weil das Gespräch schon längst begonnen wurde, lange bevor wir den Kaffee einschenkten. Zumindest wenn ich mich mit Kunst beschäftige: Ein Kunstwerk gibt keine Antworten, ein Kunstwerk stellt Fragen. Wenn ich einen Künstler interviewe, führe ich diese Fragestellungen weiter, stelle Gegenfragen, werde irritiert, gerate auf den Holzweg, finde wieder in die Spur.
Das sind Fragen, die nur mittelbar mit dem konkreten Kunstwerk zu tun haben - und dennoch reden wir immer nur über dieses Kunstwerk, sonst über nichts. Ich halte wenig davon, einen Künstler zu fragen, was er von der Gesundheitsreform hält, aber wer weiß, vielleicht sprechen wir über die Gesundheitsreform, wenn wir über sein Kunstwerk sprechen? Genauso die Fragen nach "Privatem", die viele nicht so gerne mögen, weil sie doch nur über ihren Beruf sprechen möchten. Was soll das? Mich interessiert kein Gossip, mit wem der Künstler schläft, ist mir egal. Was mir nicht egal ist: Ob er mit einem Mann schläft oder mit einer Frau, ob er überhaupt mit jemandem schläft. Weil es vermessen ist, den Einfluss von Sexualität auf unsere Weltsicht zu negieren (und weil ich glaube, dass zum Beispiel die Erfahrung eines Coming outs so prägend ist für eine Persönlichkeitsentwicklung, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass unter heterosexuellen Bedingungen entstandene Kunst sich nicht von unter homosexuellen Bedingungen entstandener Kunst unterscheidet).


Moritz von Uslars
100-Fragen-Interviews fürs Magazin der Süddeutschen Zeitung (als Beispiel das schöne Gespräch mit Lemmy von 2003) galten lange als stilbildend. Ich bin da skeptisch. Von Uslar hat da eine originelle, unterhaltsame Form gefunden, bleibt aber extrem formalistisch. Formalismus ist aber nicht das, was ich bei Interviews möchte. Ich möchte Abschweifen, ich möchte Fragen finden, während ich sie stelle, ich möchte keine Antworten, sondern Gegenfragen.

Ich glaube, ich mag Interviews sehr gerne.

Samstag, 1. Mai 2010

East of Anke

Wenn mich jemand fragen würde, was ich mit meinem Blog eigentlich will, dann würde ich antworten: Genau das Gegenteil von dem, was Anke Gröner will.
Das ist nicht böse gemeint, ich lesen Frau Gröners Texte gern, ich mag ihren Schreibstil, ich weiß, wovon sie schreibt, es kommt nicht von Ungefähr, dass Viele ihr Blog schätzen. Womit ich aber gar nichts anfangen kann, ist ihre Grundhaltung, ihr grundsätzliches Einverstandensein, ihre Systembejahung, ihre Begeisterung für ihren Beruf, für Chorgesang, für Romantic Comedy. Das ist alles nicht schlimm, es ist nur nicht meins. Ich will was anderes.

Allerdings: Für dieses wunderbare Rezept bekommt sie ganz fett Credits von mir. Könnt ich mich reinsetzen.
(Ich habe statt der grünen eine rote Paprika genommen, außerdem habe ich mit dem Gemüse auch noch zwei Handvoll Sonnenblumenkerne angeröstet. War lecker. Den Ingwersirup habe ich nach Frau Gröners Vorgabe gemacht, was gut funktionierte. Fertigen Sirup bekommt man aber auch im Supermarkt - Ingwerstücke in Sirup eingelegt, um genau zu sein. Ist aber recht teuer, und was man mit dem eingelegten Ingwer anfangen soll, wenn der Sirup abgeschöpft ist, weiß ich auch nicht.)

Freitag, 30. April 2010

Heraus zum 1. Mai

Schon klar, Innenminister ist ein Drecksjob. Immer den harten Hund geben zu müssen, obwohl man womöglich in Wahrheit ein liberaler Feingeist ist, das ist nicht schön. Otto Schily und Wolfgang Schäuble haben mir manchmal richtig leid getan, echt.

Nein.

Seit Herbst ist Thomas de Maizière christdemokratischer Bundesinnenminister, und der tut mir nicht leid. Weil de Maizière nicht so tut, als ob er ein Hardliner sei, im Gegenteil, er tut verständig, ist dabei aber ein verbohrter Ideologe. Einer, der sein Leben der Mission gewidmet hat, das von linksliberalen Weichlingen unterjochte Deutschland zu befreien, ein Land wieder gerade zu rücken, in dem - aus de Maizières Sicht - Linke grenzenlose Narrenfreiheit genießen, während Rechte ungerechtfertigterweise übelst verfolgt werden. Dass es dieses Land nicht gibt - de Maizière kümmerts nicht. Seit Wochen redet er in allen Medien, die ihm ein Mikro hinhalten, bürgerkriegsähnliche Zustände bei linken Demos am 1. Mai herbei, solange bis ihm ein paar der viel beschriebenen "erlebnisorientierten Jugendlichen" den Gefallen tun, eine Scheibe einzuschmeißen.

Am 25.4. gab de Maizière dem Hamburger Abendblatt (das ich ungern verlinke, weil ich der Springerpresse nicht auch noch Klicks schenken möchte, hier muss es aber sein - als Beleg der Ungeheuerlichkeit) ein Interview, in dem der Innenminister nicht nur die bei Konservativen übliche Gleichsetzung Rechts-Links vorbetet, nein, er fordert explizit, den Kampf gegen Rechts ruhen zu lassen, um den Kampf gegen Links forcieren zu können.

"Ich appelliere an alle Bürger, keinen zusätzlichen Anlass zu bieten, der Polizeikräfte bindet. Rechtsextremisten, die demonstrieren, kann man mal auch durch Nichtachtung besonders strafen."

Das ist heftig. So heftig, dass ich kurz überlegen musste, was man so anstellen könnte, um die Polizeikräfte wenigstens ein wenig zu bündeln. Nein, ich plädiere nicht dafür, Luxusautos anzuzünden, ich plädiere nicht einmal dafür, den ranstürmenden Polizisten ein bisschen langsamer die Straße freizumachen. Bringt ja alles nichts, ist eher kontraproduktiv. Aber ich plädiere dafür, sich noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen, was Thomas de Maizière da gesagt hat, ganz genüsslich.

Zum Thema Autoanzünden zitiere ich dagegen resigniert Die Sterne. Und zwar "Kaltfront" (2004):

Gewalt ist keine Lösung und taugt auch nicht als Strategie.
Wir rufen ausdrücklich nicht dazu auf. Doch die,
die Druck ausüben, um uns in die Knie zu zwingen,
die sind gewalttätig, während wir nur singen.

Dienstag, 27. April 2010

Was Julia Stoschek sieht

stoschek
Ein Blick in die Ausstellung Julia Stoschek Collection" in den Hamburger Deichtorhallen, Foto: Henning Rogge

Sammler sind gute Menschen, doch. Kunst zu kaufen, das sei doch wohl das Ungefährlichste, was reiche Menschen mit ihrem Geld anfangen könnten, sagte Daniel Richter einmal sinngemäß, und wenn man das vergleicht mit der finanziellen Unterstützung der FDP und ähnlicher obskurer Organisationen, dann hat Richter (der ja persönlich durchaus ein gewisses Interesse daran hat, dass Leute seine Bilder kaufen) natürlich recht. Und zudem ist es ist schön, dass die meisten Sammler uns Pöbel an ihren Käufen teilhaben lassen, Brandhorst in München, Weishaupt in Ulm, Falckenberg in Hamburg. Da sagen wir Dankeschön. Und werfen nicht etwa in den Raum, dass ein Kunstwerk in der Regel massiv an Wert gewinnt, wenn es gezeigt wird, es also für den Sammler ein schönes Geschäft darstellt, seine Sammlung der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Womöglich auch noch mit Geld der öffentlichen Hand.

Nein, das tun wir nicht. Wir gehen ins Museum. Und freuen uns.

Die Hamburger Deichtorhallen zeigen die Medienkunstsammlung von Julia Stoschek. Julia Stoschek ist 34 Jahre alt, studierte Betriebswirtin, Gesellschafterin der Brose Fahrzeugteile GmbH, Lebensgefährtin des Starfotografen Andreas Gursky und laut Wikipedia bayerische Juniorenmeisterin im Dressurreiten. Außerdem scheint sie durchaus von der eigenen Großartigkeit überzeugt, die Hamburger Ausstellung auf jeden Fall wirbt nicht etwa mit dem Namen eines Künstlers oder mit einer These, sondern mit dem knalligen "Julia Stoschek Collection". Die Künstler sind nicht wichtig, wichtig ist die Sammlerin, das sagt dieser Titel. Zwar wird dann noch schamhaft ein Pipilotti-Rist-Titel nachgereicht, der aber lautet "I want to see how you see" und gemahnt eigentlich eher daran, dass wir hier Stoscheks Blick nachahmen sollen. Wir wollen sehen, was Julia Stoschek sieht.

Was aber sieht Julia Stoschek? Sie sieht Großartiges. Hauptsächlich Videos, von Marina Abramovic, von Isaac Julien, von Carolee Schneemann. Ganz klein eine hübsche Landschaftsaufnahme von Stoscheks Lebensgefährten, etwas größer dann noch ein Foto der Sammlerin selbst, vor den Deichtorhallen auch nochmal ein riesiges Plakat mit einer hyperstylten Stoschek, naja, sie sieht sich halt gern. Hat eigentlich auch nichts mit der Ausstellung zu tun, um ehrlich zu sein.
Die Ausstellung ist, wie gesagt, klasse. Unterhaltsam, schockierend, hoch politisch lotet sie die Möglichkeiten der riesigen Halle aus, manchmal besetzt sie ein wenig zu eindeutig populistische Positionen, ganz selten wirkt sie auf dem Niveau der Siebziger-Gender-Debatten stecken geblieben, aber das sind Lässlichkeiten. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass hier eine Ausstellung auf der Grenze zwischen Pop und Politik über weite Strecken funktioniert - Welten zu Pop Life, einer inhaltlich ganz ähnlich gelagerten Ausstellung, die vor kurzem an der benachbarten Kunsthalle mit Haut und Haaren scheiterte.

Und dann eben noch: der Kunstvorbehalt. Der ist toll, also: mit der Mutter ins Museum gehen und sich da unsimulated sexual intercourse anzugucken, ohne rot zu werden (das Video zu "Fucked" von Alex McQuilkin allerdings ist weniger erregend als verstörend, daher besser nicht unvorbereitet klicken). Außerdem: Habe ich schon jemals gemeinsam mit meiner Mutter ein Musikvideo geschaut? Und sei es das hübsch kunstige "Wanderlust" von Björk?

Wanderlust from yoichi on Vimeo.

P.S. Ich verweise auf ein kurzes Interview, das ich für die April-Ausgabe des uMag mit Julia Stoschek geführt habe.

Freitag, 16. April 2010

Loslassen

Am wichtigsten ist es, loslassen zu können. Einen Text zu schreiben, und ihn abzugeben. Keine Angst zu haben, ob die Grafik ihn verunstaltet, keine Angst zu haben, dass der Kontext nicht passt. Am wichtigsten ist es, Material herzustellen, gutes Material, das andere dann weiter verarbeiten. Und nicht enttäuscht zu sein, wenn diese Weiterverarbeitung nicht optimal läuft.
Das habe ich am Theater gelernt: Es geht nicht um das authentische Kunstwerk eines Genies, es geht um eine kollektive Arbeit. Vielleicht mag der Dramatiker es auch nicht, wenn er sein 100-Seiten-Drama einem Regisseur gibt, und der verwendet davon dann aber, wenns hochkommt, 15 Seiten. Und während dieser 15 Seiten läuft auch noch ständig der sprichwörtliche SS-Mann durchs Bild und masturbiert (das übrigens ist ein Klischeebild, das in keiner Weise der Realität entspricht: Ich habe noch nie ein Theaterstück mit masturbierenden SS-Männern gesehen, und ich habe schon viele Stücke gesehen. Ja, auch von Johann Kresnik). Aber im Endeffekt sind das dann die wirklich spannenden Theatererlebnisse. Und darauf kommt es doch eigentlich an: Dass der Dramatiker loslässt, auch wenn es ihm vielleicht erstmal nicht gefällt, sein Stück, sein Baby loszulassen.
"Baby" ist hier der richtige Kontext. Wer seine Kinder bis ins hohe Alter festhält, der tut ihnen keine Gefallen (sich selbst übrigens auch nicht). Darum geht es, wahrscheinlich: loslassen zu können.

Sonntag, 11. April 2010

Offene Räume

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Leipzig wäre wohl ganz schön, wäre es nicht so unglaublich deutsch. In westdeutschen Großstädten prägt Migration unübersehbar den urbanen Raum, in Leipzig ist das nicht so; muss man sich erstmal dran gewöhnen, und ich glaube nicht, dass mir diese Gewöhnung gefallen würde. Aber ansonsten wäre Leipzig wohl ganz schön, doch.
Das Leipziger Zentrum wird von einem Innenstadtring umfasst, mehrspurige Straßenzüge, Tramlinien, man kennt das von vielen vergleichbar großen Städten, Frankfurt, Dortmund. Innerhalb dieses Rings wirkt die Stadt extrem aufgehübscht, restaurierte Jugendtilfassaden, breite Shoppingzonen, repräsentative Gebäude, die Universität mit dem City-Hochhaus. Genutzt wird dieser Teil der Stadt alledings weitgehend vom bundesrepublikanischen Fußgängerzonendurchschnit, Tchibo, Karstadt, Juwelier Wempe, you name it. Dazu kommen hilflose Versuche, eine urbane Renaissance des Bürgertums herbeizuzitieren, ein Phänomen, das man auch in anderen ostdeutschen Großstädten beobachten kann, im immer mehr zum Berliner Villenvorort mutierenden Potsdam, in Uwe Tellkamps Dresden.

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Und mittendrin die Nikolaikirche. Denkmal der Möchtegern-Revolution, Aufstand gegen den DDR-Muff bei gleichzeitigem Ranwanzen an ausgerechnet die ultramuffige Kirche, habt ihr toll gemacht, Leipziger, 1989. Und uns nebenbei noch zwei weitere Legislaturperioden des korrupten Kohl-Regimes verschafft, Danke auch dafür!

Durch Leipzig zu laufen, frustriert mich.

Wenn man aber den Innenstadtring hinter sich gelassen hat, dann findet man sie noch: Brachflächen, Ruinen, Undefiniertes. Offene Räume. Dann steht man plötzlich vor Orten wie dem Ring-Messehaus, dem Bayrischen Hof, dem Hotel Astoria.

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Da hat Leipzig plötzlich wieder etwas von Berlin-Mitte, bevor die Modelabels kamen, die Schickis und die Cocktailbars. Beziehungsweise: Bevor die Cocktailbars durch die Systemgastronomie abgelöst wurden. Wohlgemerkt: Wir sind hier nicht in Vororten, wir sind gerade mal ein paar Schritte von der Innenstadt entfernt, in direkter Nachbarschaft zum unglaublich luxuriösen, unglaublich überdimensionierten Hauptbahnhof.
Das macht Leipzig wirklich interessant: dass man die offenen Räume ganz deutlich vor Augen hat. Und dass man gleichzeitig weiß, dass diese Räume bedroht sind, dass sie ein störendes Element der Stadtarchitektur in der unmittelbaren Umgebung sind. Man kann sich hier nicht ausruhen in der kaputten Kuschligkeit des Andersseins, weil weite Teile der Innenstadt schon billig aufgehübscht sind. Das war wohl der Fehler in Berlin-Mitte: Man dachte, das ginge immer so weiter mit den offenen Räumen, dass eine Bedrohung da war, nahm man nicht wahr, und als man es merkte, war es zu spät. In Leipzig muss man das wahrnehmen: Der Hauptbahnhof ist unübersehbar.

In Hamburg zeichnet sich eine Lösung fürs Gängeviertel ab (zur Vorgeschichte: hier und hier). Es gibt anscheinend den Willen der Stadt, das Viertel ohne Investor gemeinsam mit den Besetzern zu entwickeln, allerdings ohne die Fäden ganz aus der Hand zu geben. Die Besetzer hingegen pochen auf Selbstverwaltung des Projekts.
Beide Positionen scheinen mir nicht unproblematisch. Weil beide Positionen die Gefahr in sich bergen, aus offenen Räumen geschlossene Räume zu machen. Wer sagt denn, dass sich bei Selbstverwaltung nicht eine Art "Besetzer"-Elite herausbildet, die die Räume nur noch für diejenigen öffnet, die ihnen genehm sind? Was auf lange Sicht einen Inzucht-Charakter zur Folge hätte, die dem Charme des Gängeviertels zuwider läuft. Und auf der anderen Seite: Wenn die Stadt das Viertel entwickelt und die Besetzer nur duldet, dann tritt die Stadt ja quasi als Investor auf. Und wer versichert einem, dass die diesen Job gut macht? Wenn ich mir die kulturpolitische Praxis Hamburgs in den vergangenen Jahrzehnten so anschaue, dann habe ich Zweifel, dass sie dieser Aufgabe gewachsen sein könnte. Große Zweifel.

Stadtkultureller Wildwuchs ist natürlich auch nicht die Lösung. Dann landet man nämlich beim Leipziger Innenstadt-Phänomen, bei Tchibo und Karstadt. De einzige Lösung wäre wohl: Wildwuchs ohne Geld, den Wildwuchs in eine bestimmte Richtung zu lenken. Aber das mit "ohne Geld", das brauche ich in Hamburg wohl nicht zu hoffen.

Freitag, 26. März 2010

Das habe ich so nie gesagt

Die Süddeutsche Zeitung wollte ein Interview mit dem Spaßmacher Eckart von Hirschhausen führen. Das ist ihr Job, auch wenn ich denke, dass es interessantere Gegenstände der Berichterstattung gibt, aber okay, ich will ihnen da nicht reinreden. Also, ein Interview. Um einen Termin zu bekommen, wandten sich die Münchner an seine Pressestelle, das ist der übliche Weg. Die ist bei Herrn Hirschhausen ans Management angegliedert, und das schickte den Journalisten einen Forderungskatalog, der am Ende dafür verantwortlich war, dass der geplante Text nicht in der Zeitung erscheinen konnte. Stattdessen gab es ein erklärendes Stück, das die Süddeutsche leider nicht online stellte, es allerdings in ihrer Printausgabe veröffentlichte, so dass Stefan Niggemeier aus dem Vertrag zitieren konnte:

1. Wir gehen davon aus, dass Sie KEINE privaten Fragen stellen und auch keine privaten Informationen über Eckart von Hirschhausen in Ihrem Beitrag verarbeiten. Wir legen auf eine strikte Trennung von Berufs- und Privatleben wert; Eckart von Hirschhausen ist einer der Künstler, der sich ausschließlich über sein berufliches Wirken definiert.

2. Sie legen uns Ihren Beitrag in vollem Umfang vor dem Druck zur Autorisierung vor; bitte nicht nur die Hirschhausen-Zitate, sondern den gesamten Beitrag, damit wir den Zitatezusammenhang auch erkennen können.

3. Eckart von Hirschhausen bzw. das Management haben das Recht, Einwände zu äußern und eine Textänderung zu bewirken, wenn die Person ‚Eckart von Hirschhausen’ nicht korrekt dargestellt wurde.

Eine Frage: Haben Sie einen Fotografen dabei? Wenn ja, dann bringen Sie doch bitte auch eine Maske mit.


Zusammenfassung: Ein Journalist will einen Text über jemanden schreiben. Dieser jemand stellt unzumutbare Bedingungen für ein Treffen. Der Journalist geht nicht auf diese Bedingungen ein und schreibt darauf einen anderen Text, der eben diese Bedingungen zum Thema hat. Um auch noch die andere Seite zu hören: Heute meldet die taz vorab, dass Hirschhausen das mit dem Vetrag alles nicht so gemeint haben wollte. Was ich ihm zwar nicht glaube, aber gut.

Erschreckend aber, wie sich die Kommentare auf Stefan Niggemeiers Blog seither beharken. Man könnte ja tatsächlich eine Diskussion über die Autorisiserungspraxis in der deutschsprachigen Medienlandschaft starten: Ich bin da gar nicht so strikt wie britische und US-amerikanische Journalisten, die Autorisierungen grundsätzlich ablehnen, mir ist es lieber, meine Interviewpartner haben die Chance, zu reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, weil sie wissen, dass sie später nochmal über ihre Zitate drüber schauen können, als dass sie mir ein Interview nur mit Schere im Kopf geben. Wie gesagt, das sehen andere anders, und eben deswegen sollte man darüber reden. Vielleicht ist das auch schlicht vom Interviewpartner abhängig, möglich.

Niggemeiers Leser aber sind nicht so differenziert - eine große Mehrheit ist schlicht der Ansicht, Hirschhausen habe recht.
"Vielleicht ist das die logische, wenn auch bedauerliche Konsequenz aus BILDesken „Journalisten”, die auch nach einem Interview letztlich schreiben, was sie möchten und nicht, was gesagt wurde" schreibt Katrin Wiegand.
"Er möchte nicht, dass Sätze aus dem Zusammenhang gerissen werden bzw. in einem falschen Kontext erscheinen. Wie wunderbar das geht, beweisen doch die BILD und RTL mit seinen „Magazinen” Explosiv und Exklusiv jeden Tag" schreibt "Pharmaberater".
"Ist doch völlig selbstverständlich, dass man einen Artikel über sich selbst vor Veröffentlichung zu Gesicht bekommt und notfalls die Veröffentlichung ablehnen kann" schreibt "Benedict".
"Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Journalisten grundsätzlich irgendwas schreiben, aber nie das, was man wirklich gesagt hat. Und das sind keine Einzelfälle, das ist die Regel. Immer und ohne Ausnahme. Da wird einfach etwas dazugedichtet und komplett neu zusammengesetzt und das Ergebnis hat nichts mehr mit dem eigentlichen Interview zu tun. Solange Journalisten nicht lernen, sich an das zu halten, was im Interview wirklich gesagt wird, bleibt nur, jeglichen Kontakt mit der Presse zu vermeiden oder entsprechende Bedingungen zu stellen und rigoros durchzusetzen" schreibt "order_by_rand ".

Und so geht das weiter. Im Moment 184 Kommentare, and counting. Hirschhausen hat recht, die Süddeutsche ist doof, Journalisten eh das letzte, man muss sich nur mal Bild, RTL oder die Yellow Press anschauen. Warum schreibt eigentlich niemand, dass es einen Unterschied zwischen Bild und Süddeutscher gibt? Weil das niemand weiß? Weil tatsächlich alle Journalisten in einem Topf landen, der mit dem Label "Journaille" versehen wird?
Woran liegt das? Ich fühle mich von den Kommentaren bei Niggemeier tatsächlich persönlich angegriffen. Weil es mein berufliches Selbstverständnis berührt: Ich bemühe mich immer, meinem Gesprächspartner gegenüber fair zu sein. Und alle Kollegen, mit denen ich darüber spreche, haben ähnliche Ideale. Also: warum dieses Misstrauen?

P.S. Zur Auswüchsen der Autorisierungspraxis verweise ich auf ein Interview, das mein Kollege Volker Sievert vor Jahren mit der Schauspielerin Hannah Herzsprung führte.

Dienstag, 23. März 2010

Radlosigkeit

Ich fahre gerne Rad, doch. Ich mag es nur nicht, wenn dieser Spaß am Radfahren den Charakter einer Freizeitbeschäftigung annimmt, das hat dann was von Sport, und Sport finde ich grundsätzlich: doof. Aber mit dem Fahrrad von Punkt A nach Punkt B zu zuckeln, weil ich zu Punkt B muss, das ist okay.
Was ich außer Sport auch doof finde: mein Fahrrad zu pflegen. Darauf zu achten, dass Bremsen und Beleuchtung funktionieren. Reifen zu flicken. Oder Geld dafür auszugeben, dass andere meine Reifen flicken. Morgens mein Rad aus dem Keller auf die Straße wuchten, abends das Ganze zurück. Doof.

Für Leute wie mich gibt es die Hamburger Stadträder. Leihfahrräder, die an bestimmten über die Stadt verteilten Stationen mitgenommen werden können, um dann an einer anderen Station wieder abgegeben zu werden. Ich weiß, solche Systeme gab es schon häufiger, in Amsterdam, in Kopenhagen, in Helsinki. Fast immer war es dort so, dass die Räder über kurz oder lang geklaut und damit unbrauchbar waren: Selbst das uncoolste Leihfahrrad hat Teile, die sich für ein paar Cent weiterverkaufen lassen. Und wenn sich die Dinger partout nicht zu Geld machen lassen, dann zersticht der gemeine Alltagsvandale eben mal die Reifen.
In Hamburg geht man das Thema weniger naiv an: Um die Räder auszuleihen, muss man sich per Kredit- oder EC-Karte identifizieren, außerdem muss man online registriert sein. Zudem kosten längere Ausleihphasen, wer ein Rad über 30 Minuten nutzt, zahlt. Nicht viel, drei bis vier Cent pro Minute, aber immerhin. Dafür sind die Räder topp gewartet, übers Design könnte man streiten, auch sind sie verhältnismäßig schwer, aber es ist immer ausreichend Luft in den Reifen, die Bremsen funktionieren, ebenso die Sieben-Gang-Schaltung. Gute Sache, aber.

Die Räder sind vollgestopft mit Hightech. Und Hightech ist störungsanfällig, konkret: Die Ausleihe passiert an Terminals mit Touchscreen. Und ein Touchsceen, der einen Winter über der Hamburger Witterung ausgesetzt ist, funktioniert gerne mal nicht. Pech.
Außerdem hantiert man mit Unmengen von Zahlen. Man hat eine Kundennummer, außerdem gibt es eine Notfall-Telefonnummer. Leiht man ein Rad aus, muss man sich am Terminal mit der EC-Karte identifizieren, dann nennt man die vierstellige Nummer des gewünschten Rads und erhält einen vierstelligen Entsperrungscode. Den man auf einem weiteren Touchscreen am Rad eintippt. Gibt man das Rad zurück, erhält man am Fahrrad-Screen einen vierstelligen Rückgabecode, am Terminal-Screen gibt man darauf 1.) die vierstellige Fahrradnummer ein und 2.) besagten vierstelligen Rückgabecode. Gibt es bei diesen Schritten nun irgendwelche Probleme, dann kann man die Notfallnummer anrufen. Der nennt man seine neunstellige Kundennummer, die dreistellige Nummer des Terminals, an dem man gerade steht, die vierstelige Nummer des Rads, um das es geht, und den vierstelligen Entsperrungs- beziehungsweise Rückgabecode. Und jetzt alle von vorn.
Auerdem verbreitet man als Stadtrad-Nutzer Daten. Personalisierte Daten, die auch noch mit recht genauen Bewegungsprofilen einher gehen. Stadtrad Hamburg wird als Kooperation von Stadt Hamburg und der Bahn betrieben - und dass letzteres Unternehmen nicht unbedingt ein mustergültiger Datenschützer ist, dürfte bekannt sein. Das kann durchaus zum Problem werden.
Und nicht zuletzt: Das System baut darauf, dass an allen Terminals immer sowohl ausreichend Räder zur Verfügung stehen als auch ausreichend freie Plätze für rückgabewillige Nutzer. Wer dringend auf einen Termin muss und dann vor einer leeren Ausleihstation steht, wird sich ärgern, genauso wie jemand, der kurz vor Ablauf der kostenfreien halben Stunde das Rad zurückgeben möchte und keinen Platz findet, an dem er sich anschließen kann. Ein Beispiel: In diesem Augenblick finden sich am Terminal "Bahnhof Altona Ost" drei Räder, an "Bahnhof Altona West" eines und an "Ottenser Marktplatz" zwei. Damit wäre Ottensen abgegrast. Und wo sind die ganzen Räder? Die verstopfen wahrscheinlich gerade die Terminals in St. Pauli.

Und doch: Ich bin begeistert. Frühling! Freiheit! Endlich nicht mehr die stinkende S-Bahn! Wenigstens für die nächsten Tage ...

Aus der Bandschublade

Die Bandschublade war einmal ein Musikblog. Es ging um Bands, die mir einmal wichtig waren. Bands, die ich vergessen habe. Bands, die mir ein bisschen peinlich sind. Bands, zu denen ich grundsätzlich mal etwas sagen wollte. Bands, die ich heute immer noch gerne höre. Die Bandschublade ist heute: Ein Blog über alles und jedes. Ein Blog über Kunst und Kultur. Ein Blog über Politik. Ein Blog über das Leben in der Stadt. Ein Blog über mich und dich und uns. Und auch ein Musikblog, immer noch. Kommentare sind im Rahmen der üblichen Freundlichkeitsgepflogenheiten erwünscht, natürlich.

Der Autor

Falk Schreiber, Kulturredakteur, Hamburg / Kontakt: falk (dot) schreiber (at) gmx (dot) net / Mehr im Web: Xing, Facebook und Myspace

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Zuletzt aktualisiert: 20. Jun, 17:37

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